Kurzgeschichte: Der Besuch

Der Besuch
Die Rohversion aus meinem Notizbuch

Vorab:

Hey hey ihr Lieben!
Nun ist unser Plan vorerst leider noch nicht wirklich aufgegangen… Über drei Monate schon existiert dieser Blog, naja… und wie ihr seht, seht ihr nichts.
Barbara war es leider wegen doofer Laptop-Probleme nicht möglich, zu veröffentlichen, während ich nur ungern allein das Ganze starten wollte, ist es doch unser gemeinsames Projekt.
Da nun aber endlich in dieser Geschichte ein Ende abzusehen ist und die Lösung greifbar scheint, kann ich die Finger nur noch schwer still halten…

Somit, hier also nun meine erste Kurzgeschichte, die ich hier veröffentlichen mag!
Sie ist nun gut über ein Jahr alt und trägt den Titel:

Der Besuch

Das neue Sofa und die erst kürzlich aufgehangenen Bilder von lächelnden Enkelkindern und schlafenden, längst verstorbenen, Haustieren sollten über eine unbestechliche Tatsache hinwegtäuschen und dem Betrachter das Gefühl vermitteln, es wäre Zeit vergangen.

Ihm jedoch war beim Betreten des Raumes sofort aufgefallen, was er schon die Fahrt über, die ganzen 397 km, befürchtet hatte: Wie durch ein hinterhältiges Wunder blieb dieses Zimmer verschont, es wurde vergessen und der ewigen Vergangenheit überlassen und keine Möbel dieser Welt konnten seine Augen trüben. Nein, nicht einmal der neue Teppich mochte  ihm auch nur einen der Schritte verbergen, die hier gegangen wurden auf jenem Boden und nicht eine der Pflanzen auf dem Fensterbrett schaffte es, mit ihren Blüten und Knospen die Zukunft zu beschwören.
Doch dieser Raum war nicht allein zurückgeblieben in der Zeit, in das Gemäuer der ganzen Wohnung waren all die Jahre gekrochen, haben sich versteckt, einander Schutz geboten, um ihn auf seinen seltenen Besuchen aufzulauern.
Noch immer stand er in der Tür und sah irritiert auf jenen Lichtfleck, in welchen vor 35 Jahren schon dieser, sein Schreibtisch zur genauen Stunde getaucht war, allerdings damals noch begraben unter Bergen von Papier und Unrat und nicht, wie nun, frei und leer auf Benutzung wartend, wartend, dass irgendjemand sich seiner erbarmen und auf ihm schreiben, doch aber wenigstens etwas auf ihm abstellen möge. Er konnte die Wut, die in ihm aufkam, als er seinen Schreibtisch stehen sah in penibler Ordnung, gar nicht fassen – er fühlte sich betrogen wie von einem alten Freund, der hinüber getreten war zur anderen Front, der ihn verlassen hatte für ein geordnetes Leben – doch dann besann er sich. Er sah die Traurigkeit, die im Licht lag, als es ungehindert von Heftern, Büchern, Stiften und Trinkflaschen auf das blanke Holz traf und er sah das trübselige Holz, entblößt und nutzlos, sodass er plötzlich voller Liebe war bei diesem Anblick, der ihm gewohnt sein musste und es doch nicht war. Er tat ihm leid, sein alter Gefährte, den er hier einsam im Kampf zurückgelassen hatte, einen Kampf, den er nur verlieren konnte, und es tat ihm leid, dass dem Schreibtisch die Jugend genommen wurde, an ihm solch Unrecht begangen und die Tyrannei der Sauberkeit ihm auferlegt wurde. Einzig geblieben war ihm nur die Sonne, die täglich durch das Fenster schien.
Er vernahm den seltsam süßlichen Geruch, den er schon in seiner Kindheit meinte, hier gerochen zu haben, damals bereits unmöglich, denn selbst in diesem maroden Altbau konnte kein Duftstoff durch Wände oder Decken dringen, der Geruch also müsste weiterhin unter ihm sein, er dürfte  nicht seine Nasenflügel erreicht haben. Und doch, er wurde ihn nicht los, wie festgebrannt war der Gestank der langsamen Verwesung, hauchte “Wann kommst du?” in mahnender Stimme. “Ich warte.”
Er täuschte sich, wenn er glaubte, dem Schreibtisch seiner Jugend und dem Geruch, der durch unsichtbare Ritzen des Bodens empor stieg und ihn verfolgte, davonlaufen zu können, wenn er glaubte, diese Wohnung jemals verlassen zu haben und allem entflohen zu sein. Sein Selbstbetrug mochte fruchten, wenn er wochenlang sich in Ruhe wähnte, unberührt von diesem Ort, der seine Kindheit nicht sterben ließ, doch er konnte nicht wissen, dass selbst, würde das ganze Gebäude abgerissen, ja gar die ganze Straße dem Boden gleich gemacht, das Reich seiner Kindheit unangetastet bliebe und weiterhin giftige Pfeile in sein Herz entsenden würde.

Endlich löste er sich von dem Schreibtisch und drehte sich um, kehrte seinem alten Kinderzimmer, das so gern ein Gästezimmer sein wollte, den Rücken.
Unter seinen Schritten knarrte das Parkett des Flures, wie schon unter seinen leichtfüßigen 8-jährigen Hüpfern. Mit geschlossenen Augen durchquerte er den dämmrigen Raum, der nach alten Lederlatschen roch, und selbst ohne hinzusehen wusste er, wo welche der bedeutungslosen Bilder von Katzen, Lokomotiven und Hochzeiten aufgehangen waren und er spürte die Anwesenheit jedes Schrankes, jedes Spiegels, jeder Kommode. All die Möbel standen an ihren Plätzen, machten sich groß, als hätten sie ihn erwartet, als wollten sie ihre Türen öffnen und ihm seine warme Jacke überziehen, die wasserdichten Schuhe entgegenwerfen und den Schal um seinen Hals legen. Ihn fester und fester ziehen.
“Nichts hat sich geändert”, wollten sie ihm raunen, sodass er kaum wagte, zu atmen, aus Angst, selbst die Luft möge noch aus jener alten Zeit stammen und ihn ersticken, auf dass er auf ewig bei ihnen bliebe, all die Kratzer und Kerben so stolz tragend, wie sie.
Von unten klang Stöhnen und Röcheln, es musste so sein, denn die Laute drangen sich ihm in obszöner Deutlichkeit auf.
Er taumelte weiter durch diesen kleinen Flur, der ihm nun immer länger wurde, und er wusste um das Grau der Wände, vor einem Jahr renoviert vom Vater, renoviert, um sich schweigend einzufügen in das Bild der Vergangenheit.
Zusammenbrechen würde er hier auf diesem knarrendem Boden, beäugt von herrischen Möbeln an tristen Wänden unter dem Seufzen und Gestank eines Sterbenden, er würde zusammenbrechen unter der Last  namenloser Erinnerungen, derer er sich schon nicht mehr erinnern konnten und die sich hier auf ihn warfen, ihn niederzuringen und zurück zuzerren in ihre gestaltlosen Gefilde.

Zwischen alldem stand seine welke Mutter nun in der Küche am Herd.

Ihre Augen leuchteten auf, als sie ihn eintreten sah und sie deutete ihm auf seinen Platz an dem Tisch, wo sein Vater bereits saß und seinen vollen Teller vor sich hatte. Er setzte sich auf den Stuhl, dessen Polster er über Jahre durchgesessen und abgewetzt hatte und ihm war, als wüchse der Tisch in die Höhe, dass er kaum noch sein Kinn auf die Platte legen konnte.
Sie tat nun auch ihm und sich selbst auf und während er das alte Schmatzen und Schnaufen, dass der Vater über den Tisch hallen ließ, hörte, begann er zu schwitzen und sah doch, wie er die Gabel zu seinem Mund führte, den dampfenden Braten darauf, und wieder eine Gabel und kauen und Gabel und schlucken.
Seine Mutter sprach leise und hektisch von diesem und jenem, der Vater brummte und wieder Braten und Gabel und Schlucken und Erbsen und kauen und unter ihnen, wie sie dort am Tisch saßen und aßen, unter ihnen, wusste er, faulte sein Großvater, ohne das atmen einzustellen und er würde nach dem Braten hinunter gehen in die Wohnung, die süßlich herb roch nach Urin und Verwesung und er würde diesem alten Mann, der kein Mensch mehr war, sondern nur noch Geschichte, der keine Zukunft mehr hatte und somit keine Gegenwart , dem würde er gegenüber sitzen müssen, würde ihn riechen müssen und hören und sie würden sich über Taubheit und Fernsehen hinweg entgegenschreien, was sie über Wetter und Krieg zu sagen hätten und dabei würde er beunruhigt die mit Schorf überzogene Haut und die von Pilz zerfressenen Nägel und die brüchigen Zähne und die trüben Augen und knochigen Schultern sehen müssen und ihm würde Angst und Ekel überkommen, sein Körper würde in knapp 50 Jahren diesen Hohn über ihn ergehen lassen und ihn quälen mit den Tagen, die man als Untoter verlebt in einem Leib, der nicht in der Erde eingelassen, sondern unter seinesgleichen und unter der Sonne zu Staub zerfallen will und Gabel und Braten und Braten und kauen und Erbsen und kauen und kauen und schlucken und würgen nein schlucken und er wusste er bekäme wieder 50 Euro zugesteckt und er würde warten darauf und sie ihm aus der Hand reißen mit dem Gefühl, nicht genug entschädigt worden zu sein für einen Mann, der nichts mehr auf dieser Welt zu suchen hatte, der verschwinden sollte mit diesem gesamten Haus, mit jedem dieser Ziegel und sein Vater schmatzte und seine Mutter hustete und die Küche sah ihn an, den wieder kleinen Jungen “Ja will er denn nicht mehr?” “Ja schmeckt denn der Braten nicht?” und Gabel und schlucken und Erbsen und Braten und schlucken und unten hockte der Tod am Tisch und lachte über ihn, lachte über alle, wie sie mit sich spielen ließen, wie sie nichts sterben lassen konnten sondern alles mit sich trugen und Braten und schlucken, immer schlucken und die tickende Uhr zeigte erst halb 7.

Eine Stunde noch, eine Stunde, dann kannst du laufen, kannst ganze 397 km und noch mehr davonlaufen, davonrennen, denn dieser Ort hat seine Nesseln längst  schon in dich gejagt, hat seine Wurzeln in dir geschlagen, ja dich verwurzeln lassen in ihm, auf dass er auf ewig in dir wohnt und du auf ewig in ihm wohnen musst, ewig mit ihm Leben musst.

Auf dass dieser Ort unsterblich wird in dir.

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2 Antworten auf „Kurzgeschichte: Der Besuch

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