Kurzgeschichte: 21 Minuten

Der Samt seines dunkelgrünen Sessels war schon an vielen Stellen abgeschabt. Gestern Abend war im Polster eine Feder gesprungen, welche sich nun quängelnd gegen sein Gesäß drückte, als wollte sie ihn endlich zum Aufstehen bewegen, sich endlich seiner Last entledigen.Seine rauhen Finger mit den brüchigen Nägeln strichen über den Bezug, der all seine Weichheit verloren hatte und der Alte dachte daran, wie gut sie doch beide zueinander passten, er und der Sessel. Ihm war fast, als wären sie zu einem großen Ganzen geworden, als wären sie in der Umarmung aus Polster und Fleisch verschmolzen und nur diese eine störrische Feder schien ihn an die Unmöglichkeit dessen erinnern zu wollen.

Er löste den Blick von seinem grünen Freund und sah auf die große hölzerne Wanduhr, die seit einigen Monaten mit einer plötzlichen und unerklärlichen Erhabenheit aus der Tapete hervorstach und die Sekunden laut durch die ganze Wohnung hallen ließ, dass es ihm schauderte.
In 21 Minuten würde er Angelikas schwere Schritte im Treppenhaus hören, wie sie beladen mit Einkaufstaschen ihm Sachen brachte, die ebenso er im Stande gewesen wäre, einzuholen. Doch sie hatte es sich zur Pflicht gemacht, auch seinen Haushalt zu versorgen, und so musste er an drei Tagen in der Woche ihre Besuche ertragen, ihre laute und hektische Stimme und diesen ewig kontrollierenden Ausdruck, wenn sie durch die Zimmer ging und er schon gar nicht mehr wusste, wo er sich verstecken konnte.
Vielleicht war diese Fürsorge ihre Art der Rache, dachte er. Er verstand plötzlich die genervten Blicke, die sie ihm damals zugeworfen hatte, wenn er in ihr Zimmer kam. Er sah wieder das böse Blitzen in ihren 16 jährigen Augen, die so wenig nur gesehen hatten und dennoch meinten, nicht zusätzlich der wachenden Augen der Alten zu bedürfen und jetzt endlich konnte er ihr verzeihen, da sie begann, ihm die gleichen Fragen zu stellen, wie er ihr zu jener Zeit.

Noch 19 Minuten, dann würde seine Ruhe enden.
Eigentlich hatte er nie besonders auf die Uhr geachtet, ihr Ticken war nie der Tackt seines Lebens gewesen, doch irgendwann war auch ausgerechtnet er in diesen beigen Hosen und Pullovern gelandet und nun war er es auch, der die Minuten begann zu zählen, da sie zählbar geworden waren, und er begann unruhig zu werden, wenn Angelikas Schritte etwas länger brauchten, um an sein Ohr zu dringen.

“Du bist ein Narr”, sagte er plötzlich und harsch, wusste nicht genau, weshalb.
Auf dem Wohnzimmertisch vor ihm lag noch aufgeschlagen das Photoalbum. Er musste es wegräumen, bevor Angelika kam, denn er wollte nicht, dass sie ihn für einen sentimentalen alten Mann hielt.
Bilder vom Meer und einer kleinen Angelika, die ihre Hände im heißen Sand vergrub strahlten ihn von den Seiten an, die so alt waren, dass er sich wunderte, weshalb sie nicht vergilbten.
Zu dem Bild hier dieses eine Lied von Cat Stevens, dachte er, wie hieß es nur gleich nochmal?
Er rieb sich die Stirn und seufzte ließ einen langen Seufzer, der seltsam an seinem Herzen zog.
Er wusste, dass viele Menschen in seinem Alter auf komische Gedanken kamen, dass in ihnen ein schleichender Schmerz aufstieg, dass es dumpf anfing in ihren Schädeln zu pochen und dröhnen, dass etwas sich durch ihre Knochen bohrte und sie steif werden ließ und schwulstige Nasen bekommen und zusammengeraffte Haut. Dass in der Brust dieser Alten ein Gefühl puckerte, welches zischte und beißend stach, wie eine Entzündung, die von Außen nur wie eine lächerliche Rötung schien und lediglich für den Leidenden spürbar ihren Eiter ins Innere ausbreitete.
Es war weder ein Geheimnis, was sie umtrieb, diese Hoffnungslosen, noch war es sonderlich originell.
Wenn es doch wenigstens originell wäre, dachte er und seufzte wieder.

Er sah auf die Uhr. Noch 14 Minuten, dann würde die Tür aufgerissen und der beißende Lavendelduft des Reinigungsmittels, mit welchem das Treppenhaus in der Früh gereinigt worden war, würde sich ausbreiten im Flur und Angelika würde ihn durch das Wohnzimmer hindurch bis in die Küche tragen und darüber hinaus in jeden Winkel der Wohnung, in welcher es ihr zu stöbern beliebte. Jeder Gegenstand würde umhüllt von diesem aggressiven Geruch, als hätte er es sich zum Ziel gemacht, alles zu zersetzen, die Wohnung von dem Alten und all seinem Unrat zu befreien.
Er stellte sich vor, wie der Lavendel an seinem Album knabberte. Es musste zurück an seinen Platz, dieses Buch, was überquoll und riesig wurde vor lauter Erinnerung, die sich dahinter verbarg, immer breiter und dicker, dass die Tischbeine bald bersten mussten unter diesem Gewicht. Ja, er musste es endlich zurück stopfen, wohl gewaltvoll zwängen in den Sekretär. Er konnte später weiter machen irgendwann, wenn das Photoalbum wieder zu seinem normalen Umfang zurück gefunden hätte. Und dann konnte er beginnen, eine Liste zu führen.

“Red keinen Unsinn, Bloch”, sagte er laut.
Er sah seine altersbefleckte Hand eine Seite weiter im Album blättern. Seine Frau trug ein weißes Kleid und ihre Haare fielen locker auf ihre Schultern. Er hatte sie immer für eine Schönheit gehalte, nicht, dass er sich je besonders darin ausgekannt hätte, doch er sah keinen Grund, sie anders zu sehen.
Das Bild sollte auch in der Diashow enthalten sein. Innerhalb des gleichen Liedes.
Verdammt wie hieß es noch gleich, dachte der Alte.
Er stellte sich vor, wie sie alle lächeln würden, wenn Agnes in ihrem weißen Kleid auf der Leinwand erschien.
“Der Bloch”, würden sie sagen, “Der Bloch und seine Agnes”
Dann würde das nächste Bild kommen und das wieder nächste und sie würden schließlich stumm diese tonlos lachenden Münder betrachten müssen und die auf ewig eingefrorenen Bewegungen, während auch er kalt und starr in dieser Kiste lag, die Wangen eingefallen, mit Rousch und Lippenstift angemalt, dass er wenigstens ansatzweise an den erinnern möge, der er gewesen war, und dass er die Lebenden nur nicht verschreckte mit der grausamen Fratze des Todes.
Er würde daliegen und sie müssten seine Bilder sehen, diese für sie so bedeutungslosen Bilder, ja sie mussten bedeutungslos sein für sie, bekamen sie doch nur mit seinem Geist einen Sinn, der ihnen wieder eine Stimme verlieh und Dynamik und Inhalt.
Diese Bilder waren die letzten rettenden Äste eines im Morast der Zeit Versinkenden, der sie zu fassen wissen muss, um sich eines erfüllten Lebens zu entsinnen zu können. Sie hatten keinen anderen Zweck, der rechtfertigte, dass sie nach seinem Leben fortbestehen könnten.
Kurz schloss der Alte die Augen und ließ alles dunkel werden. Schwarzes Nichts, er konnte sich ja schon einmal daran gewöhnen.
Die Augen wieder auf, sah er den Raum, vollgestellt und so verstaubt, wie er sich fühlte. Er erinnerte sich an die vielen Auseinandersetzungen, die er mit Angelika hatte, weil er ihr verbot, zu putzen. Diesen einen Sieg hatte er errungen und ein Schmutzfilm zeugte davon, der sich über alle Regalbretter, Buchrücken, Tischplatten, Lampenschirme und Bilderrahmen zog, nur vereinzelt durchbrochen von Fingerabdrücken. Und all der Staub und Schmutz und Dreck hatte sich seinen Weg gesucht bis ins Innerste des Alten, durch die Nasenlöcher und Luftröhre war er gewandert und wurde über die Lungenbläschen Staubkorn um Staubkorn einmassiert in die Blutbahn, sodass sich der Schmutz nach Belieben verteilen konnte im Körper, sich auf jeden Knochen legte, jedes Organ durchdrang.

10 Minuten rief ihm die große Uhr ins Gedächtnis, deren Staub es genauso war, der sich nun durch seine Adern zog und ihm die Bewegung schwer und den Blick milchig machte, als läge der Schmutzfilm über seiner Pupille.
Nichts ist schlimmer, als alt zu sein und nicht mehr klar sehen zu können, dachte er. Dann hörte er die Zeiger zucken, hörte die Zeit schreiten und fügte hinzu: Bereuen vielleicht.
Gut, dass er nichts zu bereuen hatte, dachte er. Er sah so glücklich aus auf allen Bildern und er hatte beschlossen, jedem einzelnen Lächeln zu glauben.

Die Feder hatte ihren Sieg errungen, denn ächtzend erhob er sich aus seinem nicht mehr ganz so samtenen Sessel und Griff nach dem Album. Es lag schwer in seinen Händen und das Leder des Einbands strömte einen toten Geruch aus, den er bisweilen an sich selbst zu entdecken glaubte. Während er auf den Sekretär zuging, knackste und knarrte er, wie die Dielen unter seinen Pantoffeln und alles schien ihm schrecklich weit und langsam, als hätte sich der Raum in den letzten Jahren in die Länge gezogen und die Distanzen vergößert, oder aber als wäre er geschrumpft.
Der Knauf des Sekretärs war ganz abgegriffen und der Alte hoffte, das war in der Zeit seiner Wektätigkeit geschehen und nicht erst, seit er Tag um Tag das Photoalbum hervor holte.
Es schien ihm, als sei auch der Sekretär größer als sonst, und auch der Schrank stach so seltsam hervor, sie wirkten deplatziert, wenngleich sie seit 20 Jahren nirgendwo anders gestanden hatten. Es war so falsch, er fühlte es. Nicht eines dieser Möbelstücke hatte mehr zu existieren, es waren Zeugen der Vergangenheit, die nichts in dieser Zeit zu erfüllen hatten, hatte genaugenommen der Alte schon nichts mehr zu erfüllen. Sie zogen den Staub schon so sehr an, da sie selbst zu ihm zerfallen wollten, doch sie würden nicht zerfallen, noch nicht, sie würden weiterhin mit ihrer Materialität belästigen, wenn er schon längst versickert war im Erdreich, zerkaut von Käferkiefern und wieder ausgeschieden, während sie rumstanden und Erinnerungen entsanden, die keiner verstand.
“Du verlierst den Kopf”, sagte er, doch seine Stimme klang dünner in dieser gewachsenen Wohnung, oder er war tatsächlich einfach geschrumpft, damit der Tod nicht mehr so viel zu tun hatte und schmerzen müsste.
Das Album stand nun an seinem Platz. Er hatte ein schönes Leben gehabt. Wenn in vier Minuten Angelika mit Einkäufen und chemischem Lavendelduft hineingestürmt käme, würde er sie nochmal fragen, sich vergiwissern. Doch er fühlte es und war sich sicher. Er hatte Agnes gehabt und Klein-Angelika, er konnte nur glücklich gewesen sein, warum also damit aufhören?
Cat Stevens war eine gute Wahl, dachte er, er müsste sich nur daran erinnern, wie dieses Lied hieß. Als Kind hatte Angelika dazu getanzt und Agnes Lachen übertönte die helle Stimme, die vom Schallplattenspieler her dröhnte.
Ihm wurde plötzlich schlecht. Knochen und Leber, Niere, Darm und Herz, Hirn und Fleisch, Muskel, Haut und Haar, er spürte sie alle deutlich und spürte den Kampf, den sie fochten, den sie nicht bereit waren, aufzugeben. Er spürte, wie panisch sie ihn umklammerten, wie sie sich eigenwillig gegen ihre Zersetzung sträubten, wie sie sich erwehrten, ihn ziehen zu lassen und zurückgelassen zu werden.

Ihm würde es fehlen, das Leben, dachte er. Nun, da er doch so gut daran gewöhnt war, wo er es doch lieben gelernt hatte, zu tasten und zu schmecken, zu küssen und zu hassen.
Bald müsste Angelika kommen, doch er sah nicht auf die Uhr.
Er merkte nicht, dass er lächelte, bei dem Gedanken, dass sie ihm bald einen hastigen Kuss auf die Wange geben würde, wie zu jeder Begrüßung.
Vielleicht sollten wir gemeinsam in das Album sehen, dachte er, als er schon die vertrauten Schritte trampeln hörte und erneut nach dem alten Leder des Albums griff, um es heraus zu ziehen.

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