Rezension: Daniel Kehlmann – TYLL

blogtyll

Nur für jene gedacht, die das Buch schon gelesen
haben und sich für andere Meinungen  interessieren.
Es werden Spoiler enthalten sein.
Denke, man kann am besten seine Gedanken austauschen,
wenn man sorglos über den Inhalt berichten kann…
😉

Bevor ich diesen Artikel anfing zu schreiben, habe ich zum wiederholten Male Rezensionen zu TYLL gesucht… und keine einzige war auch nur ansatzweise unbegeistert.
Und offen gestanden kann ich mir auch nur schwer vorstellen, dass es euch anders geht, wenn ihr das Buch gelesen habt.
Ich habe fast das Gefühl, ein etwas ungünstiges Buch für die erste Rezension gewählt zu haben, denn letztlich wird es in einem nicht enden wollenden Loblied ausarten…

Was mich wirklich erstaunt hat an dem Buch: Es zieht sich meiner Meinung nach nicht einen Moment in die Länge.
Gerade wenn man die ersten fast 200 Seiten betrachtet, in denen letztendlich ausschließlich die Kindheit Tylls behandelt wird. Besonders die ersten 100 Seiten in etwa sind ja doch eher spannungsarm… Klar, die Geburt und sein Sturz in den Bach und die ganzen Kleinigkeiten sind natürlich spannende kleine Episoden. Aber an der Länge des Buches gemessen passiert eben nicht viel. Von anderen Büchern kenne ich es, dass man da sitzt, die Seiten ungeduldig vorblättert und sich fragt, wann es denn nun endlich los geht oder ob es die nächsten 500 Seiten so bleiben soll.
Aber hier ist eben der Unterschied.
Einerseits merkt man, dass Kehlmann mit diesen ersten 200 Seiten die Basis seiner Figur Tyll schafft. Was wir zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen, was aber nachträglich betrachtet dramaturgisch ein schöner Zug ist: Wir kommen Tyll hier so nahe wie den Rest des Buches über nicht. Hier sind wir die meiste Zeit wirklich direkt an ihm dran, lernen seine Anfänge, seine Wurzeln durch ihn kennen, während wir ihn später eher durch die Augen anderer Betrachten. Und ich weiß tatsächlich nicht, wie Kehlmann das macht, aber irgendwie schafft er es, dem Leser das Gefühl zu geben, dass dieser Anfang, obwohl er so unscheinbar wirken mag, wirklich von Bedeutung ist. Man merkt, dass alles, und seien es nur seine Trainingsstunden auf dem Seil oder der grübelnde Vater, unglaublich prägende Erlebnisse sind, die uns helfen werden, Tyll nachzuvollziehen.

Zudem trägt natürlich Kehlmanns Schreibweise durch den Roman und lässt weder den Anfang noch sonst irgendeine Stelle fad werden.
Er hat fast eine Art von Plauderton – doch nicht diese abwertende Art des Plauderns… Vielmehr die Kunst, große, wichtige und vielschichtige Themen in wenigen Worten, teils knapp präzise, manchmal auch magisch malerisch, zu umschreiben, ohne dass es dick aufgetragen wirkt oder als wolle er mit seiner Intelligenz protzen.
Das ist sowieso etwas, was mich unglaublich an ihm fasziniert. Er ist ein wirklich intelligenter Mensch, das merkt man in den Interviews, aber auch an den Themen, über die er schreibt und eben wie und aus welchem Blickwinkel er beobachtet und beschreibt. Es ist so tiefgründig, aber auch absolut bescheiden. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt, aber es gibt Autoren, bei denen habe ich das Gefühl, ihr Ego steht ihnen im Weg und drängt sich vor der Geschichte auf das Papier. Dann stehen da Gedanken, von denen man förmlich merkt, wie Stolz der Autor darauf ist und was er sich darauf einbildet, sodass er derart geblendet wurde, dass er nicht mehr den Blick dafür hatte, ob es zu der Geschichte gehört, oder nicht.
Bei Kehlmann hingegen bin ich mir sicher, er würde nicht zögern, einen Part herauszustreichen, wenn er nicht für die Geschichte förderlich ist, und sollte er darin das Rätsel der Welt gelöst haben.
Diese seine Art des Schreibens also, seine Beschreibungen, Gedanken, Vergleiche… seine gesamte Sprache und der ständig durchschimmernde Witz machen seine Bücher, und dieses im Besonderen, für mich zu etwas einzigartigem und ich glaube, ich würde auch mit Begeisterung lesen, beschriebe er seinen letzten Einkauf bei Netto.

Besonders eingehen möchte ich gerne noch auf den Proßess des Vaters, meiner Meinung nach eine enorm starke Episode mit großer Bedeutung.
Zum Einen ist dieser Proßess natürlich ungeheuer schmerzhaft… ich für meinen Teil hatte Tylls Vater, trotz seiner nicht von Hand zu weisenden Schwächen als Müller und Mensch (seine Schwächen als Vater sind beinahe irrelevant, in Anbetracht der Zeit, in der es handelt), mächtig ins Herz geschlossen. Dieser kindliche Blick in die Welt, seine unschuldige und naive Wissbegier. Es ist eigentlich fast ein Wunder, dass Tyll und sein Vater sich nicht besser verstanden, doch wie gesagt: andere Zeiten.
Und wo wir eben bei den anderen Zeiten sind… wie deutlich wird einem das doch nochmal während dieses Prozesses! Generell ist man perfekt in die damalige zeit versetzt, ich habe mich beinae heimisch gefühlt… Aber dieser Prozeß legt natürlich nochmal eine Schippe drauf, da es der erste Moment ist, wo einem dieser ganze Wahnsinn der damals betrieben wurde richtig bewusst wird.
Ein Wahnsinn, der von Kehlmann einfach göttlich kommentiert wird. Es ist wieder seine schelmische Art und die Leichtigkeit, die mich beim Lesen wirklich zum Lachen bringen konnte – was bei solch einer grauenhaften Thematik und Situation schlichtweg genial ist! Denn was passiert, wenn ich Lachen muss, während ich von der Verhaftung und dem absurden Verhör und den Anschuldigungen und der Verurteilung lese und dabei ob des Witzes lachen muss? Es wird mir einen Momentspäter nur noch stärker bewusst und diese ganze Tragik des Momentes wird durch die Komik umso realer und schmerzhafter.
Doch noch etwas macht mir den Prozeß zu einem derartigen Lesevernügen: Die Person Kircher. Hier muss man wirklich sagen, dass Kehlmann all sein Können zusammen genommen hat, denn die Kicher ist wie ich finde eine sehr zentrale und bedeutende Figur, die Perfekt in Szene gesetzt wurde.
Als wir ihn kennen lernen begegnet er Tyll wie einem Freund und Verbündeten. Wir erfahren dann zwar recht schnell von der Heimtücke, dennoch bleibt irgendwo im Kopf das Bild des freundlichen und emphatischen Kirchers, da man schließlich aus seiner Perspektive die Welt sieht. Wir haben Teil an seinen Gedanken und stellen fest, dass er irgendwie anders ist, als passe er nicht dort hin und wäre nur igendwie  hineineraten.
Man entwickelt plötzlich eine starke Hoffnung, er bekäme einen Sinneswandel und würde Tylls Vater helfen… Doch dann merkt man, man hat sich getäuscht. Plötzlich erfährt man von Gedanken, die einen mit Ekel und Hass erfüllen und man fragt sich, wie man nur mit einem menschlichen Verstand derart dumm und grausam sein kann.
Passenderweise steigertsich diese Empfindung während des Prozesses, wodurch dieser nur noch theatralischer und bedeutsamer wird – vorallem dadurch, dass Tyll in diesem Zeitpunkt merkt, er müsse die Flucht ergreifen. Ich muss dieses Wort schon wieder verwenden, verzeiht mir… Doch ich finde es einfach genial, wie Kehlmann dies inszeniert hat. Man hat noch einen Funken Hoffnung, der Vater könne gerettet werden, doch dann sieht Kircher zu Tyll und sieht in ihm den eigentlichen Teufel und dass er es sei, der beseitigt werden müsse. Nun passieren zwei Dinge: Man gibt Kircher und somit den Vater endgültig auf und – viel bedeutsamer – Tyll erkennt Kirchers Gedanken und flieht – beginnt sein buntes Leben!
Und erst in diesem Moment, in dem man als Leser durch Kehlmanns minimalistische und subtile Art erfahren hat, dass Tyll Kirchers Gedanken erkannt hat und fliehen wird (denn dies wird einem nicht platt vermittelt), begreift man plötzlich den ganzen tieferen Sinn des Prozesses und Kirchers. Kircher ist das Ereignis, welches Tyll Ulenspiegel erschaffen hat. Und wenn ich nun bedenke, mit welcher Rafinesse Kehlmann uns das übermittelt hat, bin ich sprachlos. Dass Tyll sein Dorf verlässt ist so ein entscheidener Punkt und die Hingabe, mit der der Weg bis dahin erzählt wurde finde ich faszinierend.
Und um nocheinmal zu Kircher zu kommen… Ich habe wirklich gefeiert, als er später im Roman wieder auftauchte… als eines der abscheulichsten Arschlöcher. Wie geistreich und amüsant Kehlmann dieses vermeintliche Genie beschrieben hat ist einfach nur zum schießen komisch. Mit welcher Ironie Kirchers Selbstverliebtheit geschildert wird… und wie man nur die Hände vor den Kopf schlägt, wenn man seine Theorien hört und dann auch noch erfährt, dass er für so einen Bullshit verehrt wird. Man zweifelt doch wirklich an den Menschen.
Noch schöner ist dann aber natürlich, dass er Tyll wiederbegegnet. Ich habe in dieser Szene eine ungeheure Genugtuung empfunden und es tat einfach nur gut, dass dieses Mal es nicht Tyll war, der fliehen musste,sondern eben Doktor Kircher. erst recht, wenn man sich vorstellt, dass er nun den Lebensrettenden Zauber verspielt hat und ihn nie mehr verwenden kann. (Übrigens fand ich das auch schön, dass er das anwendet, was auch Tylls Vater anwenden wollte.  Es zeigt wieder nur Kirchers Messen mit zweierlei Maß) Stellt euch vor, wie er vielleicht eines Tages bei einem Überfall sterben muss, nur, weil er vor Tyll flüchten wollte. Ich weiß, ich bin grausam.. dennoch gefällt mir der Gedanke… 😉

Die Episodenschreibweise, die Kehlmann schließlich wählte, ist finde ich einfach großartig. Er ist ein Meister darin, neue Charaktere vorzustellen und uns mit ihnen durch die verschiedenen Schichten dieser vergangenen Zeit zu tragen – immer dicht dran an Tyll.
Obwohl er letztlich nur auf sehr wenigen Seiten auch selbst zu Wort kam ist er mir mehr ans Herz gewachsen, als je eine andere Figur. Er war mir wirklich eine Art Freund geworden und schon die letzten hundert Seiten begann ich traurig zu werden, einfach, weil ich wollte, dass dieses Buch niemals endet.
Und als ich dann am Ende angelangt war, tat es mir wirklich weh, diesen treuen Wegbegleiter verloren zu haben. Ich war während des ganzen Lesens wie zuhause in dem Roman, ein Zuhause, welches man mir quasi genommen hatte.

So meine Lieben, an und für sich gäbe es natürlich noch unendlich viel zu sagen… Doch das waren eigentlich meine größten Gedanken dazu und irgendwann muss ja hier auch mal Schluss sein mit dem Geschreibe… irgendwann wird es wohl auch nur noch langweilig, wann man sich in Details verliert… 😉

Ich hoffe ja, ihr konntet damit etwas anfangen und hattet vorallem mit dem Buch so viel Freude wie ich. Ich wäre natürlich sehr gespannt auf eure Meinungen, also zögert nicht und schreibts in die Kommentare 🙂

Also dann meine Bücherwürmer, bis auf bald!
Fresst euch bis dahin unermütlich durch die Seiten!

Gegrüßt von Luna ^^

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4 Kommentare zu „Rezension: Daniel Kehlmann – TYLL

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