Kurzgeschichte: Zertrennlich

zozoville

Copyright Johan Potma, Zozoville Gallery


 

“Ich habe von dir geträumt letzte Nacht”, sagte ich und stieß Zigarettenqualm zwischen meinen Zähnen heraus. So, wie ich mir vorstellte, dass man es in einem Film machen würde.
“Ach”, sagte Anna, doch sie klang nicht sonderlich überrascht.
“Was Schönes, hoffe ich doch.”
“Kann mich nicht erinnern”, sagte ich und drückte die Zigarette in der feuchten Wiese aus, auf der wir saßen.
Natürlich war es gelogen. Aber ich wusste nicht, wie ich es ihr anders hätte erklären können. Vor allem wusste ich nicht, ob meine Worte zu ihr finden konnten, es fühlte sich nicht danach an.
“Ich erinner` mich so gut wie nie”, sagte sie und ließ sich zurücksinken, verschränkte die Arme hinter ihrem Kopf und schloss die Augen. Ihre Haare waren länger geworden und schienen kraftvoller. Geschwungene Strähnen breiteten sich über das Gras aus, waren umrahmt vom Grün. Ihr Brustkorb hob und senkte sich unter dem leichten Top, das deutlich zu erkennen gab, dass sie keinen BH trug. Kurz fühlte es sich so an wie… Doch als ich die Augen schloss, merkte ich, dass dieses Gefühl nicht von innen kam, es sah einfach nur aus wie früher. Sonst nichts.
Es war unser Platz. Wobei “unser Platz” eine maßlose Übertreibung war. Wir hatten nie so einen Platz. Hier hatten wir vielleicht drei oder vier Nachmittage verbracht, Musik gehört, im Gras gelegen, geredet und uns wohl gefühlt. Dieses Gefühl, was einem in der Werbung mit den ganzen Sonnenuntergängen und Indiepopsongs als Das-Leben-im-Jetzt und Der-unvergessliche-Moment verkauft wird. Dieses Gefühl, von dem man merkt, wenn man ihm dann doch mal zufällig begegnet, dass es wesentlich kurzweiliger ist, als angenommen und dass es ungemein an einem selbst liegt, es sich einzureden. Es kommt nicht einfach so über eine Gruppe Jugendlicher, das ist quatsch. Sie alle müssen Werbung gesehen haben und an sie glauben. Und vor allem müssen sie sich alle in diesem Moment vorstellen, dass sie nicht dort waren, wo sie waren, sondern eben in einer dieser Werbungen.
Zumindest aber hatten wir im letzten Sommer einige Male auf dieser Wiese unter den alten Linden und Eichen und Buchen gelegen und es war schön und vielleicht war es sogar manchmal unvergesslich, zumindest aber wollte irgendetwas in mir diese einigen Male nun wirklich zu etwas machen, woran es wert war, sich zu erinnern. Also nannte ich es “unseren Platz”.
“Lüneburg ist mir noch nie so klein vorgekommen”, sagte sie stöhnend.
Sie wollte immer schon weg. In meiner Erinnerung saßen wir an einem Tag wie diesem, an dem einem die Sonne so wärmte, dass es einem wohlig wurde und man lächelnd vor die Tür trat, um die Haut von den Strahlen streicheln zu lassen, an so einem Tag saßen wir hier oder woanders und planten, wie wir irgendwo ein Café eröffneten. Ein Café in Hamburg, eine Bar in Köln und ein Kino in Berlin. Irgendwo irgendwas. Und immer wir beide. Unzertrennliche Freundinnen. Dann hatten wir gelacht und klirrend auf unseren Plan mit den kühlen Colaflaschen angestoßen, sodass das Wasser, das an ihnen herablief, spritzte. Aber auch das war Blödsinn und aus der Werbung, denn nie hatte auch nur irgendjemand eisgekühlte Glasflaschen dabei. Wenn überhaupt waren es Dosen und wir beide hätten, nachdem wir getrunken hatten, aufgestoßen.
“Aber die Luft hier ist bestimmt besser.”
“Was?”
“Die Luft,”, sagte ich, “die ist hier bestimmt besser als in Düsseldorf.”
“Och, ist ja nich´so, als ob wir kein Grün hätten. Insofern…”
“Hmm.”
Kurz hörte man nur dieVögel, die sich über uns in den Bäumen versteckten. Ich konnte mich nicht erinnern, ob sie früher auch schon so laut waren, doch in diesem Moment erschienen sie mir unerträglich.
“Ich konnte dich nie verstehen, wie du es hier aushältst”, sagte sie.
“Naja.”
Ich überlegte kurz, während die Vögel lauter wurden. Anna bewegte sich kein bisschen.
“Ist ja an sich auch sehr schön hier.”
“Wenn du das meinst. Ich weiß ja nicht.”

Sie hatte gelacht. Sie hatte so laut gelacht, bis sie ganz grün geworden war und ihre Augen groß wurden und ihre Mundwinkel aufrissen. Und mit ihren blutenden Mundwinkeln lachte sie weiter und zeigte auf mich und ich wunderte mich, wie sie es geschafft hatte, ihren Nagellack so haargenau in der Farbe ihres Blutes zu wählen. Dann war sie plötzlich verstummt und fragte, warum ich sie so seltsam ansah. Da konnte ich nicht anders und weinte plötzlich und schrie sie an und schimpfte und schrie.
Deswegen konnte ich ihr das nicht sagen. Das ist kein Traum, von dem man seiner ehemals besten Freundin erzählen sollte. Erst recht nicht, wenn bisher niemand den Mut hatte auszusprechen, dass sie die ehemals beste Freundin war.

“Triffst du dich noch mit Miky, solange du hier bist? Er kommt das Wochenende auch vorbei”, sagte ich.
“Wüsste nicht warum. Wir haben uns etwas aus den Augen verloren.”
“Hmm.”
“So ist das halt”, sagte sie und richtete sich wieder auf, ohne mich anzusehen.
“So ist das halt”, sagte ich.
Ohne sie dabei anzusehen.

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