Kurzgeschichte: Deckellos

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Andreas Augen suchten vergeblich die weiße Inschrift, auf welcher sie ruhen durften. Doch anstelle der geschwungenen Linien sah er nur spärlich keimendes Gras, welches die noch aufgewühlte Erde kaum zu bedecken vermochte, sodass durch das zarte grün ein tiefdunkles braun schimmerte.
Er hätte schon längst Blumen pflanzen können, das wusste er, aber etwas sagte ihm, es wäre nicht richtig. Es würde eine Normalität vorgaukeln, die nicht gegeben war.
Sobald alles seine Ordnung hatte, würde er pflanzen. Seine Mutter würde endlich in eine Gärtnerei mit ihren kleinen und unsicheren Schritten wanken können, ihre alten und trockenen Hände würden zitternd die Blumen aus den Auslagen nehmen, die er schließlich in diesen Boden setzen würde, da ihre Knochen zu gebrechlich waren, als dass sie sich noch auf alle Viere begeben konnte.
Andreas würde also die Erde umgraben, mit seinen Händen durchwühlen. Unter seinen Fingernägeln würde sich der Dreck eines Bodens ansammeln, der angereichert war mit so viel Menschlichkeit, dass sie nicht nach Humus, sondern vielmehr nach süßlicher Verwesung riechen müsste. Er würde sich tief hinab beugen zu dem wieder aufgerissenen Boden, er würde seinem Vater wieder nahe kommen müssen, bis er ihn atmen konnte, nur um Pflanzen zu setzen, die mit ihren Wurzeln die Säfte der Vorangegangenen ziehen würden. Und bald, das wusste er, wären es nicht mehr die Säfte Vorangegangener. Bald würden diese Erdklumpen, die bei der regelmäßigen Neubepflanzung des Grabes an seinen Händen kleben blieben, bald würden diese angereichert sein mit den Überresten seines Vaters.

“Hier ruht Kurt Schmidt – Ehemann und Vater – 04.08.1940 bis 21.03.2017”.
Daneben eine eingravierte Rose.
Oder aber ganz schlicht, nur der Name und die Daten, darunter eine freie Fläche, gähnende Leere, die nur lechzend auf die Mutter wartete. So würde es werden. Dunkler Stein, düster das gesamte Licht verschluckend und bizarr blendend die weiße Schrift emporhebend. Er hatte es so deutlich vor Augen, es musste eigentlich bereits existieren, es konnte nicht anders sein. Aber nein, immer noch stand er vor dieser erbärmlichen quadratischen Erdfläche, begrenzt von einer trostlosen Steinkante, sich einreihend in eine Kette bestehend aus dutzenden von anderen solcher Quadrate, diese aber sauber, ordentlich, bunt. Mit Grabstein.
So ebenmäßig und doch die Konformität so jeh durchbrechend. Andreas bezweifelte, dass seinem Vater das gefallen würde. Wohl hätte weder dieser, noch Andreas selbst, es je für möglich gehalten, dass sich soetwas tatsächlich im organisierten Deutschland ereignen konnte.
Doch es war eingetreten: seit guten 5 Wochen lag sein pulverisierter Vater unter der Erde in seinem beengenden Behältnis, durch das sich bereits die ersten Würmer bohrten, und wartete auf das, was jedem Toten seinen Vorstellungen nach zu gebühren hatte, einen Grabstein.
Andreas sah sich um.
In einiger Entfernung standen drei ältere Damen um ein Grab versammelt, sie hatten ihre neuen Stiefmütterchen bereits eingesetzt und betrachteten nun das Werk. Sie lachten und stießen sich in die Seiten, als hätten sie ein Beet im gemeinsamen Garten bestückt.
Ansonsten war niemand auf dem Friedhof. Niemand, bis auf die hunderten von Toten, die ihre Gesichter verloren hatten und nun verzweifelt ihre Namen empor hoben. Seinem Vater war nicht einmal der Name geblieben.
Die Sonne kitzelte Andreas Nacken und er wunderte sich, dass es ihm möglich war, an diesem Ort zu fühlen. Hier, wo er ein Sonderling war, wenn er noch fühlen konnte. Ein Sonderling, der nicht her gehörte.
Hier hatte er also seinen Vater eingelassen in eine Erde, die durchzogen war von seinesgleichen, von Nichtexistenzen, von denen kein Zeugnis mehr zu finden war, denn ihre Grabsteine waren schon längst abtransportiert und ihre Grabstätten verpachtet. Heimatlose, die durch den Grund sich wanden.
Und sein Vater, der doch so viel mehr gewesen war, nun einer von ihnen. Andreas hatte ihn verdammt zu einem Leben der Namenlosen, er hat ihm den unabkömmlichen Deckel seines Ablebens nicht ermöglichen können. Ein Deckel, der ihm hatte Schutz sein sollen. Schutz und Portal, die letzte Verbindung, die unverkennbar belegte, dass auf dieser Erde ein Kurt Schmidt gewandelt ist, selbst, wenn die Mutter zu alt und Andreas zu beschäftigt waren, sich seiner zu erinnern.
Er schüttelte den Kopf.
Isolde Lobrenz. Hilde Brandt. Ferdinand Kuhne. Mina Jagora. Lutz Brechtingen. Elsa Berger.
Namen. Namen, Namen, Namen.
Nein, er hatte sich geirrt. Kein einziger dieser Toten wurde greifbar durch eine weiße Schrift auf schwarzem Stein, sie waren alle verdammt im kühlen, feuchten Boden zu vegetieren, waren verdammt vollends vergessen zu werden, sobald der Grabstein schwand, wie auch die Angehörigen schwinden würden.
Er sah es nun, von allen Seiten war er umzingelt von totem Stein über noch toterer Materie. Steine, die so erhaben und bedeutend standen und doch so gering waren in ihrer Kraft, so nutzlos in ihrer Macht, ja sie waren anmaßend und verlogen, gar heuchlerisch. Niederreißen sollte man sie, verbrennen, schmelzen, zerbröseln, dass sie Staub würden, wie der Staub, den sie zu überragen sich wagten.
Er sollte hier nicht sein, niemand sollte hier sein, oder sie alle sollten hier sein und niemand mehr woanders, alle vereint, alle gedenkend, erinnernd, denn niemand sollte alleine bleiben, zurückbleiben. Vergessen werden an diesem Ort des Vergessens.
Erst verstand er das Geräusch nicht, doch dann wurde Andreas klar, dass es sein Handy war.
“Andreas? Ja, ja ich bins”, die Stimme seiner Mutter klang dünn und hohl, als könnte sie ein Windhauch empor heben, “ Du, ich hab hier ein Schreiben vom Bestattungsinstitut bekommen, aber ich versteh nicht ganz, was sie von uns wollen.”
Sie machte eine erschöpfte Pause, als rieb sie sich gerade die Stirn. Er hörte, wie sie tief Luft holte.
“Was steht denn genau drin?”, fragte er. Er spürte ein flaues Gefühl in seinem Magen. Fast Schwerelos war es darin. Wie in einer Erinnerung sah er das Gesicht seines Vaters vor sich. Seinen milden Blick. Das gutmütige Lächeln.
“ Kannst du nicht vorbei kommen?”, fragte seine Mutter mit unterdrückter Verzweiflung, “Vielleicht geht es jetzt endlich vorwärts mit dem Grabstein, ich halte das schon gar nicht mehr aus, sag ich dir.Wie du nur so ruhig bleiben kannst. Aber einer muss sie ja bewahren, die Ruhe, nicht wahr? Dein Vater wäre genauso gewesen. Bitte komm vorbei Andreas!”
“Ja, ich bin schon unterwegs”, sagte er, bereits zum Gehen gewandt, den Blick auf den Boden geheftet, nur den Weg, nur den Weg wollte er sehen, nur den Kies konnte er ertragen, während er spürte, dass die Blicke tausend vergessener geliebter Augen sich in seinen Rücken bohrten.
Dass seine Augen sich in seinen Rücken bohrten.

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