Der Gott meiner Geschichten

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Seid gegrüßt ihr Rabauken!

Blauer Himmel, Sonnenstrahlen, die sich wärmend ihren Weg bis zu uns bahnen und dieses Zittern, dass in der Luft liegt, wenn die Knospen kurz vorm Bersten stehen und die Vögel auf ihren Ästen frohlockend trällern… Ja, heute war ein wundervoller Frühlingsmorgen und das erste Mal in diesem Jahr, dass ich mit meinem Freund und Käffchen und Kakäuchen zusammen auf dem Balkon sitzen konnte, um gemütlich und verschlafen in den gemeinsamen freien Tag zu starten…
Ich brütete mehr oder weniger geistesanwesend (selbst jetzt, 15 Uhr hat mich die Schlafensträgheit nicht losgelassen…) über einem meiner Charakterbögen für den neuen Roman und schlug mich mit einer sehr wichtigen Figur herum, der Ehefrau meines Protagonisten. Seit einigen Tagen bereitet sie mir Kopfschmerzen, denn ich habe Sorge, sie könnte mir in ein Klischee-Bild einer Karrierefrau entgleiten. Eigentlich ist sie so viel mehr als das und sie hat so vieles, was sie auszeichnet, doch die Angst, sie bleibt… Es ist schwer, neben der Autoren-Perspektive auf einen Charakter auch die Leser-Perspektive in sich zu vereinen.
Da fällt mir ein… Wenn ihr wollt, könntet ihr mir mit der Beantwortung einer kleinen Frage bei meinem Problem helfen: Was beinhaltet für euch das Klischee einer Karrierefrau? Ich könnte meine Anne dann damit einfach nochmal vergleichen und vielleicht schafft mir das Klarheit… Also Danke im Voraus 😉

Doch zurück zum Thema^^
Ich saß da also und kaute auf meinem Kuli herum und sagte irgendwann sorgenvoll zu meinem Freund, dass ich angst hätte, die Figur würde sich zu einem Klischee entwickeln… Mein Freund, ein absoluter Pragmatiker, antwortete darauf unbeeindruckt: „Na dann lass sie halt kein Klischee werden, ist doch deine Entscheidung.“
Was für ein Tipp. Ich meine, das ist es ja, was ich versuchen will… Das Problem ist nur, dass dieser angelegte Konflikt, der in der Ehe meines Protagonisten herrscht, mehr oder weniger in ihrem Karrierestreben wurzelt (sehr sehr vereinfacht dargestellt), sprich die Anlagen zum Klischee gegeben wären…
Mein Freund – mittlerweile gewohnt, dass ich mir gerne im Vorfeld Sorgen mache über Dinge, die eventuell sein könnten – zeigt mir zur Aufmunterung ein You-Tube Video des Poetry-Slammers Paul Weigl mit dem Titel „5 Minuten Gott“. Er stellt dabei auf eine einfach herrliche und amüsante Weise dar, welche Macht ein Autor hat. (Schaut es euch wirklich an, es ist grandios^^)
Ich meine, wir erschaffen Leben!
Klar, also nicht wirklich… Es ist und bleibt Fiktion… Doch im Großen und Ganzen gesehen schaffen wir es mit der Aneinanderreihung von Buchstaben und Worten in den Köpfen der Menschen Personen zu erschaffen. Wir geben ihnen Namen, Gesichter, Ängste und Träume. Und wenn wir wirklich gut sind schaffen wir es, den Leser zu berühren und ihm einen Charackter zu schenken, der ihn vielleicht noch einige Jahre in Gedanken begleiten kann. Die Figur lebt eben doch. Und sie hat sich absolut unseren Entscheidungen zu beugen. Mit einem Satz können wir bestimmen, wen die Leser sehen, ob sie mögen können, was sie sehen und vor allem können wir mit ein paar lausigen Worten die von uns erschaffene Welt unserer Spielfigur einfach so zerstören.

Ich habe die Macht über meinen Roman, über meine Figuren. Weigl hat recht. Mein Freund hat recht. Will ich nicht, dass Anne ein Klischee wird, ja dann mach ich sie eben zu keinem Klischee und fertig ist die Laube. So weit kann ich tatsächlich mitgehen, der Punkt hat sich für mich geklärt, ich bin beruhigt und weiß, ich werde es schaffen, dass Anne nicht zum Klischee wird, einfach, weil sie kein Klischee ist sondern eine wirklich besondere Frau. Also mal wieder zum hundertsten Mal Dank an meinen Freund, dass er mich beruhigt hat und ich mit etwas klarerem Verstand (so ganz klar bin ich wohl nie^^) wieder an die Arbeit gehen kann.

Doch da ist etwas in mir, das Weigl nicht ganz recht geben kann… Natürlich, Autoren haben eine große Macht und natürlich schaffen wir Charaktere… Doch ich glaube nicht, dass wir wirklich so frei in unseren Entscheidungen über sie sind, beziehungsweise verschwimmen die Grenzen zum freien Willen.
Ich bin mir sicher, dass einige von euch ähnliche Erfahrungen gemacht haben: Man konzipiert eine Geschichte und plötzlich tut es sich vor einem auf, man weiß ganz genau, was passieren muss. Er muss den Job verlieren. Ihr Kind muss sterben. Seine Frau muss ihn betrügen. Keinen Ahnung, irgendwas in dieser Richtung. Ich weiß nicht, wo genau das her kommt. Es muss aus mir kommen, das weiß ich. Aber wie kann es sein, dass aus mir heraus eine Geschichte entsteht, auf die ich im Groben keinen Einfluss habe. Ich will nicht, dass sie so leiden… (Hierzu übrigens auch ein schöner Beitrag vom Blog Eleutheromania.) Aber es muss einfach geschehen.
Es fühlt sich nicht so an, als wäre ich es, die sich diese Geschichte ausdenkt. Vielmehr so, als würde diese Geschichte schon existieren, als wäre sie schon durchlebt worden und ich muss mich auf die Spurensuche begeben und eben alles wahrheitsgetreu niederschreiben, ob ich will, oder nicht.
Deswegen muss ich auch wiedersprechen. Anne wird nicht kein Klischee, weil ich ihr Gott bin und das eben so will, sie wird kein Klischee, weil es die Geschichte verlangt. Weil die Geschichte verlangt, dass sie als ein Dreh-und Angelpunkt der Geschichte gut ausgearbeitet und greifbar ist. Meine Aufgabe ist, sie in der Version, die ich von ihrer Geschichte niederschreibe, so nah wie möglich an ihr eigenes Original zu bringen.

Das klingt alles nun sehr seltsam. Mir ist bewusst, dass es keine Souffleuse oder so etwas gibt, die mir das Original einer Geschichte ins Ohr flüstert, aus der dann die meine entsteht… Aber es ist und bleibt komisch, wenn wie aus dem nichts ein Gedanke da ist… Oder wenn man im Schreibrausch ist und auf den Seiten ohne nachzudenken ausformulierte Sätze stehen, als wären sie schon einmal geschrieben und würden mir nun diktiert.
Und selbst, wenn ich bewusste Entscheidungen treffe, habe ich nicht das Gefühl, dass ich der Gott der Geschichte wäre. Ganz lange war ich der Überzeugung, meine momentane Geschichte müsste in einer Gemeinde spielen. Ich wurde und wurde nicht warm mit der ganzen Sache. Irgendwann abends im Bett wusste ich, dass es Quatsch ist. Ich habe diesen ganzen Part raus genommen und plötzlich ergab alles Sinn. Es hat sich nicht nach einer aktiven Entscheidung angefühlt. Vielmehr so, als hätte ich Wochenlang die Souffleuse nur falsch verstanden und mir darauf aufbauend etwas konstruiert, was aber nicht passen konnte, da es eben nicht wahr war. Als ich sie dann aber eines Abends richtig hören konnte, fiel es mir quasi wie Schuppen von den Augen.

Nun, vielleicht gibt es für das alles eine Erklärung. All das geht sehr mit den Fragen einher, was Bewusstsein ist, woher das Denken kommt und vielleicht werden Neurologen irgendwann die Souffleuse in meinem Kopf finden und ich werde meinem Freund und Weigl restlos zustimmen können, werde sagen können „Jawohl, ich bin der Gott meiner Geschichte und meiner Figuren!“
Bisher fühle ich mich eher wie Gotts Sekretärin…
Doch damit kann ich sehr gut leben, ich meine, das ist durchaus ein sehr begehrter Job und ohnehin haben Sekretäre/innen auch wesentlich mehr Macht, als man auf den ersten Blick denken könnte…

Ich werde nun also wieder meine Ohren spitzen und leise sein, um ja kein Wort der Souffleuse zu verpassen, und mache mich weiter an den Charakterbogen… Gott hat einen baldigen Abgabetermin gesetzt und ich hinke ordentlich hinterher…

Also,
liebe Grüße von der
Luna – Tippse 😉

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12 Antworten auf „Der Gott meiner Geschichten

  1. Meine Güte, das ist aber ein herrlich unterhaltsamer und erschreckend zutreffender Text! „Gotts Sekretärin“, das klingt passend 🙂 Mir ging es bisher ehrlich gesagt oft so, dass meine Charaktere plötzlich ein Eigenleben entwickelten. Ich hatte eine perfekte Idee (dachte ich), doch meine Figuren taten etwas ganz anderes, liefen in die verkehrte Richtung, stritten sich wenn sie sich verzeihen sollten, verliebten sich wenn sie sich hassen sollten, gaben auf wenn sie kämpfen sollten. Und ich muss dann immer schauen wie ich sie aus dem Schlamassel heraus bekomme, ohne meine „perfekte“ Geschichte über den Haufen zu werfen 😉
    Zum Thema Karrierefrau: Das ist aber auch schwer! Ich hätte behauptet, das Klischee verlangt, dass sie skrupellos ist, knallhart, laut, perfekt gekleidet, opferbereit und niemals Kinder möchte (und genervt ist von allem, was mit Kindern zu tun hat)…

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    1. Genau dieses Eigenleben ist es, das mich ganz verrückt macht XD aber irgendwie besteht dann ja auch darin der Reiz des Schreibens… Den großen Autoren geht es da ja auch nicht anders und sie bleiben weiterhin davon fasziniert, dass die Figuren ihnen plötzlich lautstark widersprechen und was ganz anderes machen, als geplant…
      Was die Karrierefrau angeht beruhigt mich das gerade… Ich hatte kurz nachdem der Beitrag online ging die Eingebung (danke an die soufleuse) dass es einen großen unterschied zu Anne und der Karriere frau gibt… Anne hat eben familie, sie wollte immer die Karriere, hat sich aber nie getraut, sich selbst einzugestehen, dass sie eben so hart ist, dass sie ihre Kinder nicht so lieben könnte, wie es sich für eine Mutter gehört. Deswegen ist sie in ein Familienleben rein geraten, von dem sie nun merkt, dass sie es wollte und nun fängt sie eben an, die Familie in den Hintergrund zu stellen und sich nur auf den Job zu konzentrieren… Ich denke, dass es somit nicht dem Klischee entsprechen dürfte… Was meinst du?

      Ich danke dir auf jeden Fall für deinen so ausführlichen Kommentar! 🙂 ❤

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      1. Und manchmal ist es auch ganz gut, dass die Figuren machen was sie wollen. Sie wissen schließlich am besten, was zu ihrem Charakter, zu ihren Eigenschaften passt. Da brauchen wir Autoren uns nicht immer einmischen 😉

        Okay, dass sie eine Familie hat, unterscheidet Anne auf jeden Fall schon sehr von meinem Karrierefrau-Klischee. Wobei für mich auch die Gefühle dahinter eine Rolle spielen. Ich kann mir eine klischeehafte Karrierefrau mit Kindern vorstellen, die die Kinder aber nicht richtig liebt, sie als Klotz am Bein sieht.
        Je länger ich darüber nachdenke, umso mehr bin ich der Meinung, dass es die Gefühle sind, die den Unterschied zwischen Klischee und Nicht-Klischee machen. Das Klischee sagt: gefühlskalt bzw. gefühllos. Sobald Anne also ernsthaft Gefühle zeigt (vielleicht dieses hin-und-her-gerissen-Sein zwischen braver Familienmama und ehrgeiziger Karrierefrau, oder auch die aufrichtige, fürsorgliche Liebe zu ihren Kindern) bedient sie für mich nicht mehr das klassische Klischee… Wobei das jetzt natürlich meine ganz persönliche Meinung ist… 😉
        Ich bin gespannt, was andere Leute vielleicht noch dazu sagen werden 🙂

        Und übrigens, die Aussage deines Freundes ist auf den ersten Blick so schlecht und auf den zweiten Blick so unendlich wertvoll, ich würde ihn an deiner Stelle öfter fragen 😉

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      2. Du hast recht, bei allem sind es eigentlich die Gefühle, Gedanken und Intentionen mit denen die. Figuren ran gehen… Sie ist auf jeden Fall zerrissen… Sie wäre so gerne eine wirkliche Mutter, kann es aber einfach nicht sein… Sie merkt, dass sie all die Entscheidungen, die sie für die Familie getroffen hat, nie für sich getroffen hat… Wäre sie danach gegangen, was sie wirklich gewollt hätte, wäre es immer für den Beruf gewesen, doch das konnte sie sich nicht eingestehen… Bin mir gerade nicht sicher ob man es nachvollziehen kann, doch ich finde keine besseren Worte^^

        Und haha ja mein Freund freut sich über deine anerkennenden Worte 😉 ich bin mordsfroh jemanden zu haben, der in so klaren und einfachen Sätzen doch so viel aussagt… Das bringt oft Ruhe in meinen überdrehenden kopf^^

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      3. Ich finde, das kann man gut nachvollziehen. Weil sie eben genau diesem Klischee der skrupellosen Karrierefrau NICHT entsprechen WILL (und es auch nicht kann, weil sie nicht egoistisch genug ist). Und genau das macht den bedeutenden Unterschied zum Klischee aus. Für mich jedenfalls. Also ich finde, es klingt gut 😉

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  2. Da gucke ich in meine Benachrichtigungen & sehe, dass du mich markiert hast ☺️ Sehr lieb, freut mich! Ich finde deinen Text toll und du sprichst mir aus der Seele. Vor allem den Vergleich mit der Souffleuse finde ich super. Mir geht es oft genauso, wenn ich jemanden von einem unschönen Ende erzähle und die Person dann sagt: Dann ändere es doch einfach! – Nein, das geht nicht. Es geht nicht, weil ich nicht das Recht habe, die Leben meiner Figuren zu verändern … selbst wenn ich der Schöpfer bin … irgendwie sind wir Autoren doch eine seltsame Spezies 😄💕

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    1. Na da bin ich aber froh, dass der Text dir gefällt… Wäre sonst mehr als blöd wenn du darin markiert bist ^^
      Und das stimmt, wir Autoren sind in jedem Fall seltsam, doch irgendwie ist das ja auch das schöne 😉 danke für deinen lieben Kommentar ❤

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  3. Ich glaube deine Souffleuse nennt man auch Muse 🙂 Ich kenne das auch, dass ich plötzlich weiß, wie eine Geschichte weitergehen muss (meist kommt es mir in den unmöglichsten Momenten, 1 Sekunde bevor ich aus dem Bus aussteige und ich muss mir schnell eine Notiz in mein Handy machen ;)). Vor allem bei Problemen oder Lücken in meinem Plot hoffe ich oft auf solche Eingebungen. Ich war gerade in dieser Situation, weil mir noch eine einzige Szene im Buch fehlt (nur der Showdown, die wichtigste Szene überhaupt – kein Druck hier xD) und ich nicht wirklich weiß, wie das ablaufen soll. Normalerwiese brainstorme ich mit meiner Schreibgruppe über sowas, aber da die leider zu einem Großen Teil in den letzten Monaten in alle Himmelsrichtungen weggezogen ist, musst ich alleine brainstormen und dann kam mir plötzlich die Lösung 🙂 Trotzdem traue ich diesen Eingebungen nicht immer. Ich finde es schwer, die Mischung aus realistisch/nachvollziehbar und doch etwas spannender/interessanter als die Realität zu finden. Komplett kontrollieren können wir es wohl nie, aber wir können immerhin versuchen, unser Beste zu geben 🙂

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    1. Ja, es stimmt, man sollte jene eingebunden nochmal überdenken, doch meistens merke ich schnell, dass sie doch genau in die richtige Richtung gehen… ^^
      Und ja, so ein Showdown ist schon eine schwere Sache… Man darf ja auch nicht übertreiben, muss aber eben doch die Leute überzeugen… Mega schwer aber ich hoffe, dass du das richtige Maß finden konntest! Und dass du auch weiterhin trotz der geschrumpften schreibgruppe gute Schreib Partner hast🙃
      Liebe Grüße ☺ 💚

      Gefällt 1 Person

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