Kurzgeschichte: Das Mädchen

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Sie hatte dich vergessen, das wurde ihr nun bewusst. Es war nicht so, als sie hätte sie nie an dich gedacht, aber das weißt du ja. Sie dachte sogar oft an dich. Du warst ihr damals schon sehr bald aufgefallen, nachdem sie in die neue Wohnung gezogen war. Da hatte sie gerade ihr Bücherregal eingeräumt und daraufhin einen Tee getrunken. Mit der heißen, dampfenden Tasse in der Hand stand sie am Fenster, gewöhnte sich an den neuen Ausblick auf die neue Straße. Ein paar Autos fuhren immer über den schwarzen Asphalt, dennoch war es ruhig. Nur ab und an, wenn ein LKW vorbei fuhr, klirrten die Gläser in ihrem Hängeschrank. Dann sah sie dich. Du standest nur am Fenster, starrtest in die Leere, hattest dich nicht einmal bewegt. Als sie ihren Tee ausgetrunken hatte, machte sie sich an eine andere Kiste, räumte Gegenstände eines alten Lebens in neue Regale. Sie konnte nicht anders. Immer wieder, wenn sie am Fenster vorbei ging, sah sie zu dir herüber. Du standest immer noch.
So war es fast jeden Tag. Bald war das Erste, was sie morgens tat, wenn sie ins Wohnzimmer kam, aus dem Fenster zu sehen. Sie bemerkte irgendwann nicht mehr, wie ihre Augen automatisch das Fenster suchten, um dich zu finden.
Auch sie fiel dir irgendwann auf, doch das muss ich dir nicht erzählen. Du spürtest ihren Blick, aber wolltest du ihr antworten, war sie verschwunden, als müsste sie sich vor etwas fürchten.
Nach zwei Monaten hatte sie Vorhänge angebracht, Sie glaubte, die Barriere würde sie schützen, doch mittlerweile hattest du gelernt, sie aus der Luft zu lesen. Dass sie sich sicher wähnte veranlasste sie aber dazu, auch dann stehen zu bleiben, sie floh nicht mehr vor dir. Sie sah deine schlaffen Schultern und deine blonden Locken, die sich müde auf diesen ausruhten. Dein Blick wirkte so hart auf sie, so voller Kummer. es war, als läge all der Schmerz grauer Novembermorgenden darinnen. Wenn sie schlief, träumte sie immer wieder, dass sie auf einer großen, weiten Wiese mit morastigen Grund stand. Es ging die Sonne hinter einer dicken Wolkenschicht auf, so dicht, dass weder Röte, noch Licht hindurchdringen konnte. Sie zitterte, war trotz der Kälte nur im Top gekleidet und ein dicker Nebel nahm ihr jeden Atem.  In weiter ferne stand ein Tannenwald, der alles in seine Dunkelheit zu verschlingen drohte. Wenn sie dann in der nacht aufwachte, wusste sie, dass sie von dir geträumt hatte. Später wurde es deutlicher, da sah sie dich an deinem Fenster. Plötzlich aber drehtest du den Kopf, sahst ihr direkt in die Augen. Dann war da ein Schrei, so schrill und herzzerreißend, dass sie beinahe ohnmächtig wurde. Bevor sie aufwachte, sah sie, dass dein Mund weit aufgerissen war.
Sie erzählte Freunden von dir. Dabei lachte sie meistens und sie nannten dich scherzhaft “das Suizid-Mädchen”. Es war ihr gar nicht bewusst, doch nach solchen gesprächen aß oder trank sie immer etwas, sie hatte das unbestimmte Gefühl, einen Geschmack in ihrem Mund loswerden zu müssen.
Wenn sie an dich dachte, nannte sie dich nicht so. Sie hatte dich Isabelle getauft. Einmal, sie wartete gerade auf der gegenüberliegenden Straßenseite darauf, abgeholt zu werden, schaute sie die Klingelschilder deines Hauses durch. Es musste wohl Müller oder Reichstein sein, doch keiner der Namen passte zu dir.
Sie hatte lang nicht mehr an deinen Namen gedacht. Erst jetzt brachte sie das Blaulicht dazu, welches von der Straße her an ihren Zimmerwänden aufleuchtete, ihrer Wohnung eine beängstigendes Flimmern verlieh. Sie stand wieder am Fenster, so wie damals. Es war vielleicht ein halber Jahr her, dass sie dich gesehen hatte. Den ersten Monat noch hatte es sie beunruhigt, ihre Träume wurden intensiver. Dann aber begann es, die Erleichterung des Vergessens trat ein.  Sie träumte nur noch von dichten Tannenwäldern, die eine kühle Beklemmung verbreiteten, doch sie konnte sich nicht erklären, warum.
Als sie plötzlich die Polizei in deinem Zimmer sah, sah, wie sie Fotos schossen und sich berieten, da musste sie sich abwenden. Immer wieder sagte sie leise “nein” zu sich selbst. Dass es nicht sein könne. Dass es nur einer dieser Träume gewesen war, da alles andere unmöglich war.
Sie meinte einmal zu einer Freundin, sie mache sich schon Sorgen, was da los sei. Man könne sich auch nicht um alles kümmern, hatte ihre Freundin nur schulterzuckend erwiedert.
Danach hatte sie nicht weiter erzählt. In diesem Moment hatte sie sich fest entschlossen, dass es wirklich nur ein Traum sein könne und niemandem davon erzählt.
Zwei weitere Streifen- und ein Leichenwagen waren dazu gestoßen, als sie nach einiger Zeit wieder hinaus blickte. Ein paar Menschen, die zufällig vorbeikamen, blieben stehen und reckten ihre Hälse.
Es war doch ein Traum sagte sie. einer, der sich sehr echt angefühlt hatte, aber eben doch ein Traum. Sie hatte darin wieder aus dem Fenster geschaut, doch diesmal standest da nicht du, sondern es klebte ein A4-Zettel an der Scheibe.

Hilfe! Ich bin gefangen!

Die Tage darauf war alles wie immer.
Dann warst du irgendwann eben weg. Warum hätte ihr das komisch vorkommen sollen? Es war doch nur ein Traum.
Und außerdem konnte sie sich doch wirklich nicht um alles kümmern, oder?

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