Kurzgeschichte: Der Kirschbaum

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Seid gegrüßt!

Hier nun eine Geschichte, die schon so einige Jahre auf dem Buckel hat und die Erste war, die ich bei einem kleinen Vorlesezirkel meiner Schule vorgelesen hatte. Sie begleitet mich auf eine seltsame Art und Weise noch immer. Und gerade, da ich doch vor ein paar Tagen erst ein Gedicht beim Anblick eines Kirschbaums schrieb und hier hoch lud, da dachte ich wieder mal an diesen kleinen Text…
Da ist er nun 😉
Liebste Wünsche sende ich euch ❤


Der Kirschbaum

Sie hasste den Frühling. Um sie herum Wachsen und Leben.
Der Wind ging durch das Laub, durch ihre Haare, durch sie, so wie er zuvor durch andere gegangen war. Gehen wird.
Es war ein Tag wie aus dem Bilderbuch, würde es in einem Groschenroman heißen. Sonnenschein, Wattewolken auf blauem Himmel, alles war da. Ein Tag, der ihr mit aller Wucht die Schönheit offenbaren wollte, ihr seine Herrlichkeit zeigen wollte, bis es beinahe schmerzte.
Wieder Wind und wieder ergoss sich über ihr ein Regen aus weißen Blütenblättern. Schwerelos tanzten sie in der Luft, um schließlich wie freiwillig zu Boden zu gleiten. Langsam, andächtig, als freuten sie sich über den Tod, der sich ihrer annehmen würde. Als sei es ihre Bestimmung gewesen, als sei von Anfang an das bezaubernde Blütendasein nur ein Schritt gewesen, ein Abschnitt, welcher nun ganz selbstverständlich weichen müsste.
Diese seligen Blütenblätter.
Wie glücklich sie rotteten, wie sinnvoll es ihnen war. Denn während der Baum noch in wundervoller Pracht stand, starben die ersten Blüten am Boden. Starben, während sie fielen. Starben, während sie blühten. Und sie lebten, während sie am Boden westen.
Sie sollte glücklich sein. Sie hatte es gesehen. Es gespürt.
Doch so einfach war das nicht.
Da war vor ihr dieser Kirschbaum, nein, nicht einfach nur Kirschbaum. Er war viel mehr, war alles, nichts, war auch das, was sie nicht sah und niemals sehen würde. Der Kirschbaum, der mit seiner obszön selbstverständlichen Existenz einfach war.
Und sie, der Mensch, der kleine, taube, blinde, aber viel zu laute Mensch ihm gegenüber.
Sie ballte die Fäuste, doch sie war des kämpfens müde. Wie könnte sie ein Wunder bekämpfen?
So vergrub sie ihre Hände im Gras, das nicht nur Gras war, hörte Vögel, die nicht nur Vögel waren und sah zu den Wolken, die nicht nur Wolke in sich bargen. Sie spürte die Existenzen, die mit aller Macht gespürt werden wollten.
Ihre Brust zersprang, die Stimmen ihres Kopfes Schrien.
Sie wollte hier bleiben, bei Baum und Blüte, Gras, Vogel und Wolke, hier bleiben, hier vergehen und zerfließen. Nicht zurück. Nie mehr ein zurück. Niemals wieder vor. Im verführerischen Hier, im unendlichen Jetzt, das sich loslöst aus jeder Rechnung der Zeit. Sich wie ein Blütenblatt aus dem Geflecht des Baumes lösen, gleiten, fliehen, eins werden, eins sein.
Und sie weinte und der Wind ging und in ihre Nase stieg der nach Verwesung riechende süße Blütenduft des Kirschbaums.

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Eine Antwort auf „Kurzgeschichte: Der Kirschbaum

  1. Ich muss gestehen, ich bin gerade mehr als rot geworden… Ich danke dir für diesen Kommentar, dieses große Lob. Das ist es schließlich, wofür ich schreibe. Diese vage Hoffnung, irgendwer da draußen könnte es lesen und davon bewegt werden… Das bedeutet mir sehr viel, ich danke dir ❤

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