Gedanke: Doppelte Doppelmoral

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Hallöchen ihr Klabautergeschöpfe!

Ich weiß ja nicht, wie ihr da so seid, aber ich bleibe nicht an jeder roten Ampel stehen. Nicht, wenn die Straße offensichtlich die nächsten 10 Jahre leer bleibt. Nicht, wenn Grillen zirpend entlang springen und Grasbüschel vom rauhen Wind über den Asphalt gerollt werden. Ich finde, da kann man nun wirklich rüber gehen.
Wir haben da zwei Ampeln im Zentrum, die sind was das angeht sehr extrem. Da ist fast nie was los. Also gehe ich drauf zu, schau links, schau rechts, schau nicht nochmal links und geh rüber. Hinter mir bleiben die Leute stehen und ich frage mich jedes Mal, was in ihren Köpfen vorgeht, wenn sie da an dieser leeren Straße warten, nur, weil ein elektronisches Gerät es ihnen befiehlt.
Man merkt, ich wohne in einer Kleinstadt…
Absurderweise sind es aber auch eben jene Kleinstädter, die als Touristen im großen Berlin an den unmöglichsten Stellen und zu ungünstigsten Zeitpunkten über stark befahrene Straßen rennen – weil in Berlin ist ja sowieso alles anders und chaotisch, da macht man das so. Ja. Fragt man sich, wo das Chaos her kommt. Doch Schluss nun mit den Verallgemeinerungen, ich komme vom Thema ab 😉

Es passierte vor mittlerweile bestimmt zwei Wochen, doch das Erlebnis lässt mich aus einem bestimmten Grund nicht los. Ich ging auf eine der zwei erwähnten Ampeln zu, es war frei, ich ging rüber – und als ich noch nicht einmal die Mitte der Straße erreicht hatte, sah ich auf der anderen Straßenseite zwei Kinder, vielleicht drei oder vier Jahre, die mit ihren zwei Müttern an der Ampel warteten. Ich zuckte innerlich zusammen. Nun muss ich einwerfen, ich bin kein Mustermensch, mir ist es eigentlich egal, wer an der Ampel steht, ich gehe rüber. Gut, stünde dort ein Polizist, dann wohl doch eher nicht, ihr müsst wissen, ich bin so gar kein Rebell^^ Doch mir ist der Gedankengang vertraut, im Beisein kleiner Kinder nicht über die Straße zu gehen, um sie nicht dazu zu verleiten, da sie Entfernungen schlicht nicht abschätzen können und eine Unfallgefahr besteht. Das ist eine absolut löbliche Einstellung und sie macht auch Sinn. Doch aus meinem faulen Egoismus heraus, der trotzdem weiter über rote Ampeln gehen möchte, weil Warten ätzt, begründet, dass die Erziehung eben doch grundlegend in den Händen der Eltern liegt. Auch, wenn wir als Gesellschaft alle Verantwortung tragen, so liegt es doch noch an den Eltern, das „Fehlverhalten“ Fremder für das Kind einzuordnen und zu erklären. Und ich denke, der Gedanke ist auch nicht so falsch.
Nun lief ich also über die Straße, sah die Kinder, sah die Mütter, die ich zu meiner Schande sehr schnell in eine unsymphatische (assoziale) Schublade gesteckt habe und keine Sekunde später höre ich eine pöbelnde Stimme einer der Mütter, auf dass sich zur Schande des Schubladendenkens dieses auch noch bestätigen musste…

„Eeeeey sach ma! Hier sind Kinder! Kannste keine Farben sehen oder wie???“, brüllte sie mir extrem agressiv zu.
Ich nickte und wir gingen weiter unserer entgegengesetzten Wege, während ich die Mütter hinter mir immernoch aufgeregt sprechen hörte.
Das war alles. Das war dieser Moment, der mich nicht los lässt.
Diese absurde beiderseitige Doppelmoral.

Eine Mutter, die scheinbar Wert auf das Wohl und die Sicherheit ihres Kindes legt (ich möchte gerne vom Besten ausgehen und es deswegen damit begründen), im gleichen Moment mich aber auf eine absolut untragbare Weise vor ihrem Kind angeht, sodass dies definitiv keine Wertvolle Erziehung darstellt…
Und auf der anderen Seite stehe ich, die ich die Mutter für ihr Auftreten mir gegenüber total verachte, steht sie doch in direkter Vorbildfunktion zu ihrem Kind, während ich selbst meiner Vorbildsfunktion in keinster Weise nachgehe.

Ich weiß, dieser Moment ist eine Lapalie, nicht der Rede wert eigentlich und ich kann mir gut vorstellen, dass viele vor Langeweile den Beitrag schon längst geschlossen haben.
Doch mich lässt es absolut nicht los, denn es hat mir mal wieder aufgezeigt, wie dehnbar unser Gerechtigkeitsbild ist. Wie sehr wir in unserer Sicht gefangen sind. Ich meine, hier war es sehr leicht, die Doppelmoral auf beiden Seiten zu entlarven.
Doch wie oft stehen wir einander wohl gegenüber, streiten oder verachten uns und sind uns dem Ganzen, was dahinter steht, nicht bewusst?
Ich weiß, Splitter und Balken, ich kenne das Sprichwort. Mir ist klar, dass ich gerade nicht das Rad neu erfinde, dennoch war dieses kleine Erlebnis eine Menge wert. Es ist etwas anderes, einen klugen Spruch zu hören und mit dem Kopf zu nicken, oder sich selbst in seinem Leben auf die Schliche gekommen zu sein.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir sollten uns selbst nicht zu sehr trauen. Wir müssen der erste Zweifler unseres Handelns und unserer Wahrhaftigkeit sein. Könnten wir das wirklich in den Alltag integrieren, ich glaube, unsere Welt könnte ein besserer Ort sein, denn Selbstzweifel in Maßen tragen zu einem besseren Verständnis untereinander bei.

So. Genug von Doppelmoral. Ich werde nun das Wasser meiner Discounter-Rosen nachfüllen. Ist es nicht schrecklich warm dieses Jahr? Ich weiß auch nicht… Das mit der Klimaerwärmung ist schon schlimm…
😉

Liebste Grüße an euch
von der Luna ❤

 

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6 Antworten auf „Gedanke: Doppelte Doppelmoral

  1. Sehr nachvollziehbar, Deine Gedanken und Empfindungen, liebe Luna. –
    Ich bin an sich schon ziemlich diszipliniert. Aber, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist, ich es zudem eilig habe, dann gehe ich auch bei „Rot“ über die Straße – Ich halte es so in Anlehnung an Loriot, der mal einen seiner gezeichneten Knollennasenprotagoniosten sagen ließ: „Ich lasse mir doch von einem kaputten Fernseher nicht vorschreiben, wo ich hinsehe.“ – Mit roten Ampeln ist es durchaus mitunter wie mit kaputten Fernsehern … 😉
    In der Geburtsstadt meiner Frau, die aus der Slowakei stammt, outet man sich übrigens ziemlich eindeutig als „Auswärtiger“, wenn man bei roten Ampeln auf dem Gehsteig stehen bleibt. (Ohne Rücksicht auf Kinder! – Die werden dort insoweit ganz kontinuierlich „altersgerecht“ trainiert!) In anderen Städten ebendiesen Landes sieht das allerdings schon wieder ganz anders, und also viel „deutscher“ aus.
    Die doppelte Doppelmoral, gibt es also mindestens doppelt. Oder so ähnlich …?!?
    In jedem Fall aber unterschreibe ich diesen, Deinen Satz:
    „Wir müssen der erste Zweifler unseres Handelns und unserer Wahrhaftigkeit sein. Könnten wir das wirklich in den Alltag integrieren, ich glaube, unsere Welt könnte ein besserer Ort sein, denn Selbstzweifel in Maßen tragen zu einem besseren Verständnis untereinander bei.“
    Und dann war/ist da schon wieder Telepathie: Auch ich schrieb just heute vom Klimawandel!!!
    Langsam werden Sie mir ein bisschen unheimlich, „Fräulein Ewunia“! 😉
    Sehr liebe Abendgrüße an Dich! 🙂 (mit Freundschaftsherz! – ❤ )

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    1. Ich denke auch ein „altersgerechtes Training“ wie du es nennst ist auch wesentlich sinnvoller^^ Doch da kommen wir an einen ganz anderen Punkt… Die Erziehung… Oft sieht man ja leider, dass Kinder nicht dazu angehalten werden, zu hinterfragen und Sachverhalte selbser abzuschätzen, sondern nur zu befolgen… Etwas, was allgemein in der Gesellschaft sehr verbreitet ist…
      Ich danke dir für das beständige Teilen deiner Gedanken!
      Und bin schon gespannt, wie sich als nächstes unsere telepathische Verbindung äußern wird 😉
      Herzallerliebste Grüße^^

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  2. Hm, zwiespältig. Ich muss ganz ehrlich sagen, seit ich selber Kinder habe, gehe ich nicht mehr bei Rot über die Ampel, wenn Kurze in der Nähe sind. Es ist zwar richtig, dass die Eltern in der Verantwortung stehen, ihnen das Überqueren der Straße beizubringen, aber irgendwann laufen die Kids dann halt doch alleine und werden dann evtl. dazu verleitet, eben doch gegen das Erlernte zu verstoßen. Sehe ich leider immer wieder und hat lange gedauert, es meinen beiden Mädels einzutrichtern.

    Natürlich ist es auch nicht wirklich ein gutes Vorbild, dann so loszublöken, aber – ohne das in Schutz nehmen zu wollen – bei den meisten, die einfach so über die Straße laufen, kommt man mit einem „Entschuldigen Sie bitte, könnten Sie beim nächsten Mal Rücksicht auf die Kinder nehmen“ nicht wirklich weiter. Ausnahmen, und zu denen rechne ich dich einfach mal, bestätigen die Regel.

    Aber wer bin ich, um mich zum Moralisten aufzuschwingen!? 😉

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    1. Ich möchte mich auch mitnichten als Unschuldige darstellen 😉
      Wie gesagt, ich sehe mein Verhalten auch zwiespältig und vorallem seit dieser Situation achte ich auch darauf, wer an der Ampel steht. Wenn ein Kind alleine dort wartet, dann bleibe ich natürlich auch stehen. Doch ich denke schon, dass man als Elternteil vielleicht doch altersgerecht an soetwas heranführen sollte. Nach dem Motto: Nicht nur verteufeln und verbieten, sondern sich mit dem Kind damit auseinander setzen, um eben dadurch bei dem Kind mehr Bewusstsein zu schaffen.
      Doch so spricht man vielleicht auch nur wenn man zwanzig ist und keine Kinder hat, das kann ich nicht ausschließen^^

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  3. Uh, ein gutes Thema! Ich kenne die Situation zu gut. Und über deinen Vergleich mit Berlin musste ich schmunzeln, denn es stimmt! Mich wundert es immer wieder wie die ungewohnten „Auf-Zeit-Großstädter“ auf einmal zu Rebellen mutieren und glauben sie seien so unbezwingbar, dass sie schnell mal vor einem Porsche über den Ku’Damm sprinten können. Zu Hause wenn der Traktor kommt bleiben sie dann aber stehen (und das soll sicher keine Beleidigung gegen „Dörfler“ oder „Kleinstädter“ sein … ich komme selbst vom Land :D)
    Die Rote-Ampel-Diskussion wird vermutlich auch ein unbezwingbarer Zwiespalt bleiben. Als Elternteil sind immer die, die nicht warten doof und als Kinderlose fühlt man sich von der Aggression mancher Eltern angegriffen. Beides verständlich. Ich glaube allerdings, dass Kinder so oder so ihre Grenzen austesten, egal ob man jetzt heute über eine rote Ampel gelaufen ist oder nicht. Natürlich kann man Rücksicht auf Kinder nehmen, doch manchmal hat man es eilig oder vergisst es schlichtweg. Das passiert und das ist menschlich. Und ich bin mir sicher, dass auch Eltern ihre Fehler machen und nicht immer auf alles achten. Eine gute Lösung wäre vielleicht dem Geschehen gar keine Achtung zu schenken. Denn erst, wenn man es anspricht, kann man sich sicher sein, dass das Kind bewusst darüber nachdenkt. Man könnte es übergehen, das Kind ablenken. Kleine Dinge werden schließlich nur dann groß, wenn man sie groß macht

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    1. ja, so ist das immer… Wie verhält man sich schon „richtig“… Das Eine „Richtig“ gibt es ja meistens sowieso nicht…
      Und wer bin ich schon, das zu entscheiden^^
      Aber ich stimme dir auch zu, irgendwann kommt eh der Punkt, dass die Kinder, auch die Kleinen, ihre Grenzen austesten und da ist es schwer, irgendjemandem direkte Schuld zu zu weisen…. Und tatsächlich glaube ich auch, dass es den Kindern erst auffiehl, als die Mutter wie bekloppt rumplerrte xD
      Aber so ist das^^
      Und wie gesagt, manchmal will man das eigene Fehlverhalten auch einfach nur nicht wahr haben…

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