Rezension: Dürrenmatt – Das Versprechen

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Hallo ihr lieben Leserlinge!

Nun kommt endlich mal die erste Dürrenmatt – Rezension auf diesem Blog! Er ist einer meiner absoluten Lieblinge und bald möchte ich ihm in einer Reihe meiner liebsten Autoren sowieso einen ganz besonderen Beitrag widmen, doch fürs Erste kommt diese Rezension, um euch einen kleinen Vorgeschmack zu geben…
Sollten bei Jemandem beim Namen „Dürrenmatt“ nicht sofort die Glocken bimmeln, hier ein paar Eckdaten zu ihm: Der 1921 geborene und 1990 verstorbene Schweitzer wurde als Schriftsteller und Dramatiker vor allem durch seine Werke „Der Besuch der alten Dame“ und „Die Physiker“ berühmt, verfasste diverse Kriminalromane und war auch ein sehr genialer Maler, wie ich fand – doch ich sollte mir dieses Wörtchen „genial“ lieber aufsparen, denn ich neige dazu, es bei Dürrenmatt überzustrapazieren^^

Doch nun zum Roman^^

Es geschah am hellichten Tag … Eigentlich sollte sich Kommissar Matthai, der auf der Höhe seiner Karriere angelangt ist, zum Flug nach Jordanien fertigmachen, um dort ein ehrenvolles Amt zu übernehmen. Da erreicht ihn ein Anruf aus Mägendorf, einem kleinen Ort bei Zürich. Ein ihm unbekannter Hausierer teilt ihm mit, er habe im Wald die Leiche eines grausam verstümmelten Mädchens gefunden. Obwohl Matthais Abflug kurz bevor steht, fährt er nach Mägendorf und verspricht den Eltern des Kindes nicht zu rasten, bis er den Täter entlarvt hat.
– Inhaltsangabe von bücher.de , Rechte nicht bei mir

Ja, die perfekte Story für einen Krimi: Ein eigenwilliger und einzelgängerischer Kommisar, der ein Versprechen gibt, das ein Ermittler niemals geben sollte, nämlich den Mörder des kleinen Mädchens zu finden, obwohl er weiß, dass er dieses Versprechen durch seine baldige Abreise nicht einhalten kann.
Doch ich habe das Gefühl, egal, wie ich diese Rezension ansetze, sie wird niemals dem Buch gerecht.
Denn eigentlich sollte man vielleicht ganz anders anfangen…
Da zum Beispiel, dass es eben nicht einfach nur ein Krimi ist. Doch ein Dürrenmatt wird wohl nie einfach nur ein Krimi sein. Ein Dürrenmatt bedeutet wohl immer Absurdität und Katastrophe, Sinnlosigkeit und Schmerz. Und Genialität. Verdammt, da war das Wort schon wieder…

Wir erfahren diese Geschichte aus einer sehr interessanten Perspektive, wie ich finde. Ein Autor, der einem beinahe wie Dürrenmatt selbst erscheinen könnte, hält einen Vortrag zum Thema „Kriminalroman“. Durch Zufall lernt er danach an der Bar den ehemaligen Chef der Kantonspolizei Zürich kennen, welcher ihn am nächsten Tag mit dem Auto mit nach Zürich nimmt. Es entwickelt sich ein Gespräch, in welchem der Kommandant schließlich die Geschichte seines ehemaligen Untergebenen Matthai erzählt.
Das alles geschieht in diesem typischen Schreibstil von Dürrenmatt, bei dem ich persönlich immer das Gefühl habe, ihm in einer alten, verrauchten Kneipe gegenüber zu sitzen, wo er sich mit seiner beachtlichen Wampe nach hinten in den Stuhl zurück gelehnt hat, um an seiner Zigarre paffend in einem beinahe selbstgefälligen Ton diese Geschichte zu erzählen, während er mit diesen verschmitzten Jungenaugen durch die große, dickrandige Brille schaut und ihm sein spärlicher Haarwuchs zu Berge steht. Dazu muss ich sagen, dass dieses „selbstgefällig“ im positivsten Sinne gemeint ist, wenn es denn den diesen überhaupt dafür gibt… Es ist wohl das falsche Wort, vielleicht sollte ich auch ein besseres suchen, doch es fällt mir einfach nicht ein… Ich sehe ihn da nur vor mir sitzen, die Geschichte, die er selbst wegen ihrer Genialität (ein drittes Mal) liebt, mit einem Lächeln rezitierend und dabei Handbewegungen in die Luft zeichnend. Genauso ist einfach sein Schreibstil. Wahrscheinlich wird jeder mit ein bisschen Ahnung soeben den Kopf schütteln, doch was soll ich machen, so empfinde ich das eben^^
Ich glaube, auf diese Schreibweise muss man sich bei Dürrenmatt auch einrichten. Als ich „Der Richter und sein Henker“ gelesen hatte, hatte ich tatsächlich sehr mit seiner Art in der Prosa zu kämpfen, doch mittlerweile habe ich sie einfach lieben gelernt. Weil es eben dazu gehört und der Geschichte eine ganz eigene Farbe verleiht. Und weil die GESCHICHTEN die er schreibt, GENIAL sind. Und ich werde es von mir aus noch so oft sagen, bis ihr mich alle für bekloppt haltet^^

Doch weiter im Text.
Dieser Roman ist nicht einfach nur ein Kriminalroman. Doch da muss man anders anfangen – mal wieder^^ Dieser Roman hat auch eine Vorgeschichte, denn es gibt die Geschichte auch noch in einer zweiten Version, ihr ist ein Film vorausgegangen, an dessen Drehbuch Dürrenmatt schrieb. Als alles abgeschlossen war, ließ ihn der Stoff jedoch noch nicht los und er spann es weiter, in einem nicht Pädagogischen Sinne, wie er selbst es sagte.
Somit wurde „Das Versprechen“ nicht einfach nur ein Kriminalroman, sondern bekam einen neuen Sinn und wurde zur „Requiem auf einen Kriminalroman“.
Denn der Kommandant eröffnet dem Schriftsteller ganz unverfroren, dass er nichts von Kriminalromanen und der in ihnen dargestellten Realität hält.

„Nein, ich ärgere mich vielmehr um die Handlung in euren Romanen. Hier wird der Schwindel zu toll und zu unverschämt. Ihr baut eure Handlungen zu logisch auf; wie bei einem Schachspiel geht es hier zu (…) Diese Fiktion macht micht wütend. Der Wirklichkeit ist mit Logik nur zum Teil beizukommen.“

„Ein Geschehen kann schon allein deshalb nicht wie eine Rechnung aufgehen, weil wir nie alle notwendigen Faktoren kennen, sondern nur einige wenige, meistens recht nebensächliche. Auch spielt das Zufällige, Unberechenbare, Inkommensurable eine zu große Rolle“

„Doch ihr von der Schriftstellerei kümmert euch nicht darum. Ihr versucht nicht, euch mit einer Realität herumzuschlagen, die sich uns immer wieder entzieht, sondern ihr stellt eine Welt auf, die zu bewältigen ist. Diese Welt mag vollkommen sein, möglich, aber sie ist eine Lüge.“

„Ich weiß, wie fragwürdig wir alle dastehen, wie wenig wir vermögen, wie leicht wir uns irren, aber auch, daß wir eben trotzdem handeln müssen, selbst wenn wir gefahr laufen, falsch zu handeln.“
– Dürrenmatt, Das Versprechen

Und genau das ist der Kern des Romans.
Diese Geschichte ist der Beleg für die Sinnlosigkeit, die der Zufall in unser Leben wirft. Für die unaushaltbare Tragik, die daraus entsteht.

Ihr erinnert euch noch an die Handlung, oder habe ich zu weit ausgeholt? Kehren wir wieder dahin zurück. Das tote Mädchen und der emotionslose Komissar, der in einem schwachen Moment, da er vor den leidenden Eltern stand, zu einem schicksalshaftem Versprechen bewegt wurde.
Der vermeintliche Mörder wurde gefasst. Alle sind sich einig. Wenn auch das Geständnis unter unseriösen Umständen zustande kam und der Vernommene schließlich Selbstmord beging. Doch die Beweise waren ausreichend, es ergab Sinn, alle waren zufrieden, es gab den Schuldigen, der Fall lag bei den Akten. Doch Matthai, in ihm bohrt es weiter, er glaubt nicht an die Schuld des so bequemen Mörders. Er findet bald eine alternative Theorie, doch wird für verrückt erklärt. Wozu einen Mörder suchen, den es nicht gibt?
Weil er den Gedanken nicht erträgt, dass es ihn geben könnte. Dass er noch frei sein könnte. Dass er wieder morden würde, denn dieses Mädchen war nicht das Einzige in den letzten Jahren.
Er verliert die Stellung und ermittelt auf eigene Faust, bis er tatsache schwachsinnig wird und – ja und nun muss ich aber auch endlich mal ruhig werden! Sonst verrate ich ja alles 😉

Worauf solltet ihr euch gefasst machen, wenn ihr den Roman lest?
Dass es weh tut. Und zwar ordentlich. Mir zumindest. Es ist kein moderner Roman, die Charaktere werden nicht so gezeichnet, wie das heute der Fall ist. Alles entspricht anderen Gesetzmäßigkeiten, doch wer sich darauf einlassen mag, der wird hier einen Stoff finden, der das Köpfchen ordentlich zum Denken anregt. Einen Stoff, der mich hat leiden lassen. Denn es ist alles so wahr, so realistisch… Allle wollen den Mörder gefasst sehen, niemand befasst sich weiter damit. Und der Einzige, der die Moral so hoch hält, dass er bereit ist, Konsequenzen zu ziehen, wird für verrückt erklärt, verliert die Kontrolle über sein Leben. Denn selbst, wenn es diesen Mörder geben sollte, wie sollte er ihn finden, ohne jeden Anhaltspunkt?
Es macht einen kaputt zu sehen, wie ein Leben zugrunde geht, weil es das Richtige tut. Man wird selbst verrückt, weil man nicht mehr weiß, welche Version nun plausibler ist, wer nun der Mörder wäre. Bei jeder neuen Ausführung wechselt man die Meinung und gerät ins verzweifeln.
Und wenn man denkt, es ist alles schrecklich genug, die Geschichte, das Leben hat die unerträglichste Form angenommen, da bringt Dürrenmatt teuflisch grinsend eine weitere Wendung, die einen einfach zerschmettert.
Und ich finde das genial!
Ich muss sagen, es gibt keine Geschichtenschmiede, die ich mehr bewundere als Dürrenmatts Geist…

So, bin ich denn nun am Ende der Rezension angelangt? Ich weiß es nicht. Ich könnte noch so viel sagen…
Doch eigentlich möchte ich euch einfach nur dieses Buch in die Hand drücken und sagen „Lasst euch von Dürrenmatt entführen. In eine grausame Welt, die die unsere ist.“
Das klingt nun vielleicht alles sehr pessimistisch, wenn ich so von der Welt rede und ich kenne selbst auch Leute, die solche Bücher nicht lesen können, ohne miese Laune zu haben. Bei mir ist das umgekehrt, ich fühle mich dadurch unglaublich lebendig. Mir gibt es so viel Mut. Denn ja, genauso ist die Welt. Hart, unfair, beschissen.
Okay.
Ich nehme es hin. Aber lasst uns trotzdem für die Richtige Sache einstehen. Für irgendeine Sache, denn ob sie richtig ist, wissen wir nicht. Ob es überhaupt ein richtig gibt, wissen wir nicht. Wir wissen nur, dass das Leben keine schönen Geschichten schreibt. Und das diese vielleicht die besten sind.
Denn ich halte es da genau wie Dürrenmatt, wozu in der Schriftstellerei immer alles zurecht biegen? Stellen wir uns den bösen Geistern der Wirklichkeit!

In diesem Sinne,
die liebsten Grüße
von der Luna ❤

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5 Kommentare zu „Rezension: Dürrenmatt – Das Versprechen

Gib deinen ab

  1. Das war aber mal eine flammende Rede!!! Habe ich mit einem Schmunzeln gerne gelesen. Für „selbstgefällig“ vielleicht „mit dem wohligen Bewusstsein er selbst zu sein“? ( das hat man mal über Günther Grass geschrieben). Grüsse 😉

    Gefällt mir

  2. Ich habe den Roman bislang nicht gelesen.
    Diesmal ist es, was bei mir sehe selten ist, anders herum – ich kenne eine Verfilmung des Romans, ihn selbst aber nicht. Die Verfilmung, die den Titel „Es geschah am hellichten Tag“ trägt, fand und finde ich allerdings sehr beeindruckend. Sie hat mich geprägt, wie es nicht viele Verfilmungen „schaffen“. Dabei ist es eine sehr alte Verfilmung, mit Gert Fröbe und Heinz Rühmann in den Hauptrollen. – Ich weiß nicht, wie „nah“ sie an dem Roman ist, aber für sich genommen finde ich sie genial.
    Es wäre in dem Fall hier das erste Mal, dass ich einen Roman lesen würde, nachdem ich eine Verfilmung von ihm kenne. Irgendwas macht mir das schwer …
    Deine Rezension ist eine Rezension der Emotionen, hast mich ganz schön „mitgenommen“, liebe Luna! 😉
    Liebe Grüße!

    Gefällt mir

    1. Ich denke, den Film werde ich mir auch noch zu Gemüte führen!
      Nun, ich kann auch nicht sagen, wie sehr sich die Geschichte ähnelt und wo sie abschweift, aber ich würde die beiden Geschichten auch eher getrennt voneinander betrachten… Es ist eben keine Verfilmung, in diesem Fall existierte der Film zuerst. Als die Arbeiten abgeschlossen waren, war Dürrenmatt nur an dem Punkt angelangt, dass er das Ganze gern nocheinmal anders aufziehen wollte, er demnach die Geschichte in einer anderen Version aufzeigte. Demnach denke ich, dass du, sofern Thema und Roman dich interessieren, sorgenfrei zum Buch greifen kannst. Man sollte die beiden Werke wohl nicht in dem Sinne miteinander vergleichen, wie es bei anderen Büchern und Filmen der Fall ist, sondern wirklich eher als zwei Möglichkeiten einer Geschichte…
      Doch wie gesagt, ich habe den Film noch nicht gesehen^^
      Ich danke dir für deinen lieben Kommentar 😉

      Gefällt mir

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