Rezension: Nikolaus Klammer – Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Teil 1

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Hallo an alle Lesefüchse!

So, hier ist sie nun, die Rezension, die ich schon in der dazugehörigen Leseempfehlung  angekündigt habe!
Ich hoffe, hier noch ein bisschen genauer auf das Ganze eingehen und euch das Buch mehr ans Herz legen zu können, ohne euch mit nervigen Wiederholungen zu plagen 😉

„Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren“ ist eine auf fünf Bänden konzipierte Reihe, von denen nun die ersten drei schon erschienen sind (nochmal Glückwunsch für die letzte Veröffentlichung 😉 ) vom Autor Nikolaus Klammer, über dessen Blog ich gestolpert bin und mir wohl irgendeine Streptokocke eingetreten habe, denn ich bin infiziert^^ Wie gesagt, sollte euch das Buch interessieren, schaut auf seinen Blog mal nach, er gibt dort die ersten Entwürfe seiner Arbeiten frei, sodass ihr vllt einen kleinen Vorgeschmack darauf bekommt… Die Kurzgeschichten sind auch sehr empfehlenswert!
Ich muss sagen, ich muss WordPress total dankbar sein, denn ohne den Blog wäre ich nie auf diesen im Selbstverlag erschienen Roman gestoßen!

Hier kurze Fakten dazu (Manche nennen es Werbung, doch nennt man das auch so, wenn man es ganz aus freien Stücken macht, ohne dass der Autor einen darum gebeten hat? Ist es dann nicht eher eine Empfehlung und ein Hinweis?^^)

Autor: Nikolaus Klammer
Titel: Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren
ISBN: 978-3-7450-4476-8
Seitenzahl: 183
Erhältlich als: Kindle (1,49 Euro)
Taschenbuch (8,99 Euro)
Bei: amazon
epuli
eigentlich überall im Handel^^

Aber worum geht es hier eigentlich?

Der etwas selbstgefällige Autor Nikolaus Klammer schlendert beim Spaziergang mit dem Hund seiner Frau durch die Straßen seiner Heimatstadt – und entdeckt im Schaufenster eines ihm unbekannten Buchladens mit Pappaufsteller beworben ein Buch mit dem Titel „DR. Geltsamers erinnerte Memoiren“, dessen Autor niemand anderes, als er selbst sein soll. Bis dahin nicht ungewöhnlich, bis auf dass der Autor dieses Buch niemals geschrieben hatte. Neugierig begiebt er sich in den Laden, der selbst ganz unwirklich und voller Rätsel scheint, und erwirbt seinen angeblichen Roman.
Zuhause angekommen beginnt er den Roman zu lesen und taucht ein in eine Geschichte, die Ende 1920 in den Tiefen des Amazonas spielt… Dorthin begleiten wir nämlich anhand der Tagebuchaufzeichnungen die Ärztin Dr. Elena Kuiper, die als Expertin für Tropenkrankheiten eine Expedition einiger Forscher begleitet, ausschließlich Männer. Immer weiter dringen sie vor, bis etwas unerklärliches die Männer dazu bringt, den Verstand zu verlieren. Als sie ein Naturstamm gefangen nimmt, scheint die Lage Kuipers aussichtslos…
Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende, hier erst scheint die Geschichte Klammers zu beginnen, denn er merkt, dass er auf eine seltsame und gefährliche Art und Weise mit diesem Buch in Verbindung zu stehen scheint…

Ja, es ist eine Geschichte-in-der-Geschichte-Story… Und ich liebe so etwas einfach, denn es ermöglicht dem Autoren, wundervoll mit verschiedenen Ebenen zu spielen – und das macht Klammer auch sehr gekonnt!
Dem aufmerksamen Leser ist aufgefallen, das der Protagonist des Buches den gleichen Namen trägt, wie der Autor, was eines dieser schönen Spielchen ist und von Klammer gut genutzt wird.
Denn fangen wir mal Vorne an: Wenn wir dieses Buch in den Händen halten, dann ist es ein schwarzes Taschenbuch mit bunter Aufschrift und einem so seltsamen Bild, dass man sich unwillkürlich fragt „Was will uns der Künstler damit sagen?“. Es ist offensichtlicher Selbstverlag und von der Qualität nicht mit den Taschenbüchern gestandener Verlage zu vergleichen. Dann kommen die Aufschriften hinzu… „Ein phantastischer Roman“. Haha, Wortspiel. Sehr gewieft. War jemand ein ausgefuchtes Kerlchen, die Zweideutigkeit für phantastisch zu verwenden. Und auch der Klappentext… Da werden die hohen Töne angeschlagen, die Erzählung sei ein Meisterstück von überraschender literarischer Qualität. Da denkt man auch im ersten Moment „Joa, recht selbstbewusst dafür, dass man sich das selbst da drauf gepackt hat“ hatte aber gleichzeitig im Urin, dass Klammer da wieder mal mit einer bestimmten Ironie heran geht…
Und Tatsache! Er hat mich und meinen Freund, dem ich vorlas, mehrmals Auflachen lassen, aber auch mich ganz allein, wenn ich mal nur für mich las. Denn dieses Buch im Buch, das ist ganz klar das, was man auch selbst in den Händen hält, mit dem Unterschied, dass es im Roman ein hochwertig gebundenes Exemplar ist – und eben kein billiger Print-on-Demand, wie es selbst im Buch heißt. Der Protagonisten-Klammer stellt so ein herrlich vernichtendes Urteil über den Titel des Buches, über den Klappentext, über Selfpublischer – ja über seinen Schöpfer-Klammer, dass man aus dem Schmunzeln kaum noch raus kommt!

Und genau dieser Witz ist es, diese schöne lockere und amüsante Art, mit welcher Klammer über seinen Klammer schreibt, über sich schreibt, ist das Herrliche daran und trägt einen durchs ganze Buch! Ich hoffe, ich konnte euch diesen Humor ein bisschen näher bringen, als in der Empfehlung 😉
Was ich sehr schön fand, dass sich das Buch im Buch von der Sprache und der Art dann doch deutlich abgehoben hat, was ja auch anders gar nicht denkbar gewesen wäre.
Wir begleiten Dr. Kuiper in einer derart fesselnden Expedition in einer derart absurden Geschichte, dass ich atemlos war und die Seiten verschlingen musste… Ja, mein Freund musste mich des Abends mehrfach rufen, bis ich endlich das Licht ausmachte und das Buch beiseite legte…
Um so atemloser ist man, da man ganz genau weiß, dass es irgendwie mit Klammer in Verbindung stehen muss, man liest also rasch zwei Auflösungen entgegen: Einmal, wie es mit Kuiper ausgeht und dann, was das zum Teufel nochmal mit Klammer zu tun hat!
Und dann ist man am Ende… und ist fast noch weniger schlau, als zuvor!
Klammer hat mit diesem ersten Teil wirklich einen spannenden Einstieg geschaffen, der ein wunderbares Vorspiel für eine verworrende und ineinandergreifende „phantastische“ Geschichte darstellt! Es zeichnen sich Geheimnisse ab, Familiengeschichte, Drama… Einfach die perfekte Mixtur, für alle, die spannend unterhalten werden möchten!

Und dann gibt es eben diese zwei Aspekte, die mich so restlos überzeugen, zwei Sachen, die mich eigentlich immer in ihren Bann ziehen:
Der geniale Aufbau und das Spiel mit der Realität.
Der Aufbau, der sich andeutet, ist deswegen genial, da es so scheint, als gäbe es in jenem Buch im Buch mehrere Romane, und jeder dieser Romane wird seinen Kreis enger um Klammer ziehen und vor allem das Gerüst eines jeden Teils werden… Ich bin darüber derart entzückt, dass ich meinen Freund, nach Beendigung der Lektüre und dem zunächst (bei guten Büchern) gängigen Erstarren, total aufgeregt davon erzählt habe und mich beinahe dabei überschlug, diese Idee und die Komposition dahinter zu huldigen…^^ Ich bin jetzt noch ganz aufgeregt und habe dieses blöde Grinsen auf den Lippen, wenn ich davon spreche^^
Nun, und die Fragilität von Wahrheit und Realität ist etwas, was mich die Jahre hindurch immer fasziniert und für mich persönlich in meinen Projekten auch gern an erster Stelle steht… Darum, wenn ich dieses Motiv in einem dramaturgisch offenbar so schön inszenierten Mehrteilers miterleben darf, dann müsst ihr verstehen, wenn ich einfach aus dem Häuschen bin 😉

Doch gibt es auch Kritik?
Joa…
Also ich muss vorwarnen, die Sprache ist vielleicht nicht jedermanns Sache. Ich für meinen Teil liebe Sätze, die zum Ausschweifenden tendieren und sich vieler Adjektive bedienen (auch darüber lässt Klammer natürlich eine schöne Spitze^^), doch man sollte das, wenn man es nicht gewohnt ist, vielleicht im Vorfeld wissen und sich darauf einstellen. Man kann es trotzdem sehr gut lesen. Dennoch gibt es manchmal Stellen, wo ich mir denke, der Lektor hätte etwas mehr einschreiten sollen… Entweder, weil ein Satz doch mal ein bisschen verrückt spielt und es sich schwer darin zurecht finden lässt, wodurch er seine Schönheit verliert, oder aber weil es Sinnwiederholungen in einem einzigen Satz gibt. Ich möchte dafür jetzt kein direktes Zitat nennen, denn zum Ausgleich müsste ich einige der vielen schönen Stellen zitieren, die es nämlich DEUTLICH in der Überzahl gibt… und das ist mir gerade zu anstrengend^^ Aber vielleicht wisst ihr ja, was ich meine… Wenn in einem Satz oder in zwei darauffolgenden der gleiche Inhalt in anderen Worten beschrieben wird, indem Synoyme verwendet werden. Ich weiß nicht, ob es ausversehen passiert ist, denn mir geht es auch manchmal so, dass ich einen Satz schreibe und plötzlich feststelle, dass das Ende eigentlich genau das aussagt, was der Anfang schon wieder gibt… Vielleicht ist es auch gewollt… Denke ich an Hesses Siddartha, da hat er ganze Seiten vom Sinn her in anderen Worten wiederholt, wohl einfach, weil er sich so gern diese Sachen schreiben sieht 😉 Doch das sind Sachen, die mich ziemlich stören… Aber keine Sorge, solche „Fehler“ in meinen Augen kommen nicht auf jeder zweiten Seite vor! Ich glaube, die Anzahl der Vorfälle, die mich derart gestört haben, sind wsl sogar kaum nennenswert… Dennoch möchte ich es euch nicht verschweigen 😉
Nun und ansonsten hätte ich mir vielleicht vom Roman im Roman, von der Geschichte der Dr. Kuiper eine etwas lebendigere Beschreibung des Dschungels gewünscht, mir fiel es manchmal schwer, mich derart einzufühlen, dass ich das Gefühl habe, mir rinnt selbst der Schweiß den Rücken hinab. Das klingt nun wirklich erbsenzählerisch… Doch ich bin durch Marquez einfach derart gute Beschreibungen dieses Klimas gewöhnt, dass ich manchmal denke, selbst dort gewesen zu sein, bis ich mich daran erinner, dass es ja doch nur ein Buch war^^ Doch wie kann man Klammer einen Vorwurf machen, nicht mit Marquez, der selbst aus dieser Klimazone stammte, mithalten zu können^^
Dann erscheinen mir an mancher Stelle die Aufzeichnungen Kuipers etwas sehr modern geschrieben… Also mir ist klar, dass sich die Sprache Ende der 20er Jahre nicht sehr wesentlich von unserer abgehoben hat, schaut man sich Romane damaliger Zeit an, gibt es ja doch auch relativ moderne Zeitgenossen, dennoch haftet dem Ganzen immer etwas antiquarisches an, was man wohl nur erklären kann, wenn man Sprachwissenschaftler oder Literaturstudent ist^^ Ich kann hier nur ganz Unfachmännisch sagten, dass mir dieses bestimmte Etwas gefehlt hat, das mir ihre Aufzeichnungen alt erscheinen lässt. Doch das ist etwas, wo Klammer wohl nur bei Wenigen auf Enttäuschung treffen wird, denn ich glaube, es ist unter Lesern eher unbeliebt, anders als modern zu lesen…^^ Sprich, euch wird es vielleicht gar nicht auffallen oder stören (weshalb ich auch lang überlegte, das hier überhaupt zu erwähnen)

Wie ihr seht, ist es eher Kritik, die sich auf die Form beschränkt und manchmal habe ich das Gefühl, ohne den Lektor beschuldigen zu wollen, dass dem Buch eine Verlagsveröffentlichung besser gestanden hätte. Zum Einen, weil es einfach verdient wäre, und dann auch einfach, weil dann sicher einige dieser Kritikpunkte gar nicht in der Veröffentlichung aufgetreten wären. Im Verlag sitzt da nicht nur ein professioneller Lektor, sondern eine ganze Batterie und ich denke doch, dass es dort etwas intensiver auf Herz und Nieren überprüft wird, als das ein einzelner Autor mit seiner Famlilie, den Freunden und einem Lektor bewerkstelligen kann…
Mir kam gleich die Frage auf, wie sich wohl ein Kehlmann lesen würde, müsste er selbst veröffentlichen^^

Demnach lasst euch von der Kritik nicht abschrecken, sie würde mich nie davon abhalten, das Buch zu empfehlen!
Denn es ist wirklich eine ganz unglaubliche Geschichte, hinter der ein kluger Geist stecken muss!
Ich hoffe, meine hohen Erwartungen werden nicht vom zweiten Teil enttäuscht… Gerne hätte ich den schon längst gelesen… Doch mein Geld für Bücher beläuft sich momentan auf weniger als Null Euro… -.-

Das soll es nun endlich von mir gewesen sein!
Seid euch sicher, die Rezension von Teil zwei wird folgen, sobald ich es gelesen habe, vielleicht kann ich euch dann restlos überzeugen 😉

Liebe Grüße in den blauen Himmel
von der Luna ❤

 

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13 Kommentare zu „Rezension: Nikolaus Klammer – Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren, Teil 1

Gib deinen ab

  1. Dass ich mich wahnsinnig über diese Rezension von dir freue, liebe Luna, muss ich wohl nicht extra ausführen. Sie ist ja fast länger als mein kleiner Roman, mit dem ich meine „Trilogie in 5 Teilen“ begonnen habe. Eine Kritik, noch dazu eine bis auf ein paar „Kleinigkeiten“ geradezu überschwänglich lobende wie die deine … das ist eine ganz seltene Pflanze, die in meinem Autorengarten nur selten wächst. Umso schöner, wenn sie so üppig blüht.
    Ich hätte den Geltsamer selbstverständlich auch gerne sauber lektoriert (ein Freund sprach von 100000 Fehlern, die darin noch zu finden wären) und vor allem als schönes, gebundenes Buch mit einem orangen Leseband herausgegeben, in das die Bilder als Postkarten oder gefaltete Plakate eingelegt sind, handschriftliche Randbemerkungen stehen und in dem die letzte Seite abgeknickt ist. Das alles übersteigt aber leider meine finanziellen Möglichkeiten bei weitem. Die Print-on-demand-Bände, die ich bei epubli drucken lasse, sind deshalb ein Kompromiss – ich habe die Bücher übrigens so billig wie möglich gemacht und verdiene nichts an ihnen.
    Was die Sprache betrifft, die Elena Kuiper in ihren Tagebüchern benutzt: Sie verwendet ausschließlich Begriffe ihrer Zeit. Die Zwanziger sind uns näher, als wir oft denken, sie sind modern. Das wird vielleicht im 2. Teil deutlicher, den du noch nicht gelesen hast und in dem Nikolaus Klammer in dem „Buch der Bücher“ auf einen Roman seines Großvaters stößt, der 1929 in Berlin spielt (Auch wenn du das nicht willst, was ich prinzipiell ganz toll finde: Ich schenke dir gerne diesen 2. Band als Rezensionsexemplar).
    Aber das nur am Rande bemerkt. Jetzt freue ich mich einfach mal eine Weile. DANKE!

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    1. Na, ich dachte mir zumindest, dass du mir bestimmt nicht böse bist, wenn ich nochmal ein paar Worte dazu schreibe 😉

      Ach, genau so stellt man es sich vor! So richtig schön hochwertig, mit richtigen Bildern… Oh und eine Expeditionskarte am besten noch zum auseinander Falten… Auch das Eselsohr fänd ich eine wunderschöne Idee! Aber davon müssen wir wohl leider weiter nur Träumen…
      (Übrigens ist ein Traum von mir ja tatsächlich reich zu sein, nur, um dann von guten Büchern solche Schmuckausgaben anfertigen zu lassen bei einem Buchbinder meines Vertrauens… ^^)
      Doch sehen wir es positiv, immerhin kam so dieser wundervolle Witz des Buches zustande, der mich wirklich mehr als amüsiert hat 😉

      Ja, ich war mir schon sicher, dass du das gut recherschiert haben wirst und habe auch kein direktes Wort oder eine Formulierung gefunden, die mir unpassend erschien… Und an sich sind die Zwanziger wirklich nicht so weit weg… Ich weiß auch gar nicht, wie ich es beschreiben soll… Deutsche Literatur aus der Zeit hat finde ich einen eigenen Geschmack… Wobei ich die ganze Zeit an The great Gatsby denken muss, der sich absolut modern gelesen hat, wie ich finde^^
      Wie gesagt, wer weiß, was ich da mal wieder für Problemchen damit habe^^ Manchmal ist es ja auch so, dass man einmal einen Gedanken hat und dann kommt man von dem einfach nicht mehr los, egal, ob begründet , oder nicht.
      Ich werde mich auf jeden Fall vom Großvater überraschen lassen 😉

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      1. Zumindest das Eselsohr kannst du dir ja selbst hinten reinmachen. Mein Exemplar hat eines (und ein oranges Lesezeichen zwischen die Seiten 160 und 161 geklemmt). Aber ich bin ja auch Nikolaus Klammer.

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      2. Eine Anmerkung noch, dann halte ich auch schon wieder meinen Mund: Es ist erstaunlich, dass du Scott Fitzgerald erwähnst. Während ich an den „Hyänen von Berlin“ schrieb, dem 2. Band der Geltsamer-Reihe, habe ich mich bemüht möglichst viele Bücher aus den 20ern zu lesen – Meyrink, Döblin, Kästner, Brecht, Hemingway, Nabokov z. B. und auch Fitzgerald. Mir hat übrigens Tender is the night besser gefallen als der Gatsby, dem doch anzumerken ist, wie schnell Literatur veralten kann. Aber das ist wohl wie immer Geschmackssache.

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      3. Ich finde ja sowieso dass Literatur so eine schöne Möglichkeit ist, in die Vergangenheit zu blicken 🙃
        Ich muss sagen, der gatsby hatte mir als erster Fitzgerald Roman sehr gefallen, was fandest du denn daran veraltend? Würde mich sehr interessieren ^^

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  2. Eigentlich wollte ich hier schweigen, denn ich finde, es wirft ein merkwürdiges Licht auf mich, wenn die meisten Kommentare unter deiner Rezension ausgerechnet von mir stammen.
    Hmm, was kann ich noch zum Gatsby sagen, den die Literaturwissenschaften wie einen Kaugummi 100 Jahre lang durchgekaut haben, bis nur noch wenig Geschmack übriggeblieben ist. Versteh mich recht, es ist ein großer Roman. Wenn wir die Literatur des 20. Jhd.s als Museum betrachten, steht er als Monument gleich hinter den drei Portalen, durch die man hineintritt (Proust, Musil, Joyce) ziemlich einsam in der Eingangshalle herum.
    Hemingway, der übrigens in „Paris – ein Fest fürs Leben“ behauptet, er hätte ein viel größeres Geschlechtsteil als Fitzgerald – und es ist nicht erkennbar, ob er das tatsächlich oder nur im übertragenen Sinn meint -, würde sagen, der Gatsby sei ein Roman ohne Helden über eine „verlorene Generation“. Genial, wie der Ich-Erzähler fast vollkommen hinter seiner Erzählung verschwindet und nicht besonders vertrauenswürdig ist, sondern uns konsequent belügt und seine Beweggründe verschleiert. Er „wahrlügt“. Gatsby selbst bleibt dabei ein nicht zu fassendes Phantom, das an keiner Stelle im Buch näher beschrieben wird, weder sein Aussehen, noch seine Beweggründe – auch wenn wir heute durch die Verfilmungen immer Redford oder Dicaprio vor Augen haben. Die Story, nämlich Gatsbys unglückliche Liebe und seine Verstrickungen in dunkle Geschäfte, die einen Haufen Menschen und nicht zuletzt ihn selbst ins Unglück stürzt, werden nicht auserzählt, sondern nur zwischen den Zeilen angedeutet. In der Hauptsache ist der Gatsby ein Buch voller Musik, Tanz und Bewegung. Die Menschen nähern sich in ihrem Takt an und stoßen sich ab wie Elementarteilchen.
    Warum also behaupte ich, der Gatsby sei ein leicht angestaubtes Museumsstück? Zu seiner Zeit war Fitzgerald zusammen mit seiner Zelda (deren Geschichten du unbedingt lesen musst, wenn du es noch nicht getan hast) die Verkörperung einer Zwischenkriegesgeneration und auf der Höhe seiner Zeit. Die beiden haben übrigens den Sommertourismus erfunden; sie waren die ersten, die in die leeren französischen Hotels an der Riviera im Juli Zimmer buchten und ihre Nachmittage am Strand verbrachten. Doch die Zeit ging weiter, und was damals sensationell und skandalös war, ist heute Allgemeingut, um nicht zu sagen: Klischee und, ja, Kitsch. Wenn ich das Buch heute lese, habe ich jedenfalls das Gefühl, solche Texte schon tausendmal und besser gelesen zu haben. Solch eine verzweifelte Amour fou, wie sie im Gatsby beschrieben wird, erzeugt bei mir immer einen schlechten Geschmack im Mund. Das ist freilich nicht die Schuld von Fitzgerald, sondern meine eigene; genauso wenig kann Raphael etwas dafür, dass die Engel der „Sixtinischen Madonna“ auf mich kitschig wirken, obwohl sie doch Betroffenheit, Ängstlichkeit und Trauer ausdrücken sollen. Trotzdem – obwohl ich das weiß -, finde ich sie „niedlich“; das trifft leider auch auf den Gatsby zu. Dies liegt auch an der Vielzahl von schlechten, aber auch genialen Kopien, die danach entstanden sind, die liest man alle mit, bis hin zu solchen Büchern wie Houellebecqs „Elementarteilchen“ oder „Soloalbum“ von Stuckrad-Barre, die mal Sensation waren, aber selbst schon in dunklen Ecken des Museums der Modernen Literatur vermodern.
    Zudem ist der Gatsby im Gegensatz zum abgeklärten Tender is the night kein Werk der Reife, Fitzgerald stand sich beim Schreiben selbst im Weg, beherrschte sein Handwerk noch nicht vollständig, einige der Dinge, die ich oben gelobt habe, entstanden nicht bewusst, sondern aus Mangel.
    Klar, ich weiß, dass meine Bücher in diesem Museum überhaupt nicht zu finden sind, nicht einmal im Shop unten beim Hinterausgang. Ich kritisiere hier wohlbemerkt auf hohem Niveau, das ich nur dadurch erreicht habe, dass ich Zwerg auf den Schultern von Riesen wie Fitzgerald stehe und deshalb halte ich jetzt wirklich meinen Mund, bevor ich mich noch weiter um Kopf und Kragen rede.
    Hier bei mir zieht gerade ein Gewitter auf und ich muss noch Polster der Gartenmöbel ins Haus tragen, bevor es zu stürmen beginnt.
    Liebe Grüße

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    1. Ich verstehe, wenn dir das komisch erscheint, deshalb zwinge ich dich nicht, nochmal zu antworten 😉

      Es stimmt, dass viele Werke aus heutiger Sicht nicht mehr etwas derart besonderes sind, schlicht, weil es keinen Mut mehr braucht, derartiges zu schreiben… Denke ich an Sagan´s „Bonjour Tristesse“, was sie damals mehr oder wniger über Nacht berühmt machte, durch den Skandal den sie damit auslöste und die dadurch ansteigenden Verkaufszahlen… Als ich es las, dachte ich mir auch nur, dass es unglaubliche Längen aufweist, alles woanders mittlerweile besser beschrieben steht und auch davor schon besser beschrieben wurde, dennoch traf es in der Zeit einen gesellschaftlichen Nerv.
      Wobei das nunmal auch kein Indikator ist… Auch, wenn 50 Shades of Grey einen Nerv getroffen haben muss, ist es keine Weltliteratur… Und wird es nie…
      Dennoch muss ich sagen, dass ich es beim Gatsby gar nicht so empfunden habe, ich konnte mich sehr gut in dieses Buch einfühlen und stellte für mich nicht nur Kitsch dar. Ich kann mir gut vorstellen, dass Fitzgerald nicht auf seiner Höhe war, doch er hat mich sehr gut gepackt. Ich muss aber auch sagen, dass ich ohne Erwartungshaltung da ran gegangen bin… Ich habe versucht, es mehr oder weniger im Kontext der Zeit und des Menschen zu lesen, aber ich lese ungern diese vielen literaturwissenschaftlichen Reden dazu… Vielleicht irgendwann später, doch ich finde, man kann sich durch sowas auch viel am Buch versauen^^

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  3. Das hört sich auf jeden Fall sehr interessant an. Ich lese ja gerne Bücher, die eher „ungewöhnlich“ sind. Als du den Roman im Roman erwähntest, musste ich gleich an die Thursday-Next-Reihe von Jasper Fforde denken, die ich sehr gelungen finde.
    Nun befindet sich also ein weiteres Buch auf meiner Liste. Jetzt muss ich nur noch schauen, wie ich die Print-Ausgabe beschaffen kann. Die lokale Buchhandlung führt laut Libri-Shop nur die eBook-Variante. Aber eBooks kann ich nicht lesen, da kommt einfach kein Bücher-Feeling auf…

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    1. Ui, na das freut mich, wenn dich das überzeugen konnte! 😊
      Das mit den eBooks geht mir haargenau so… Dadurch, dass das Buch selbst publiziert ist bei einem print-on-demand Anbieter kann es sein, dass es bei dir nicht angezeigt wird… Wenn du es aber über epuli, den Anbieter kaufst, dann klappt das. Hab ich auch darüber gemacht und müsste ich auch im Text verlinkt haben 🙃
      Von der Reihe, von der du erzählt hast, hab ich noch nix gehört, schau da aber definitiv mal rein ^^

      Gefällt 1 Person

      1. Ich kann diese Reihe nur empfehlen. Der erste Teil, „Der Fall Jane Eyre“, hat mich gefesselt, wie kaum ein anderes Buch. 🙂
        Ja, ich werde es mir dann über epubli kaufen. Hatte erst hinterher gesehen, dass sie gar nicht nur die ebooks vertreiben.

        Gefällt 1 Person

      2. Ui, das freut mich^^
        Und ich hoffe sehr, dass du den Kauf nicht bereuen wirst… Und mich danach nicht für immer in die Hölle schicken möchtest ;P

        Gefällt 1 Person

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