Darüber, wenn wir uns gegenseitig in die Beine beißen- und über dummes Klug und kluges Dumm

Halli-Hallo!

Ich war auf der Seite des werten Herrn Klammers unterwegs (ihr erinnert euch an die Rezension?) und las dort sehr angeregt seinen letzten Beitrag. Übrigens sehr lesenswert, der Dichter versucht sich als Denker und gibt interessante Gedanken über den Menschen und seine Verbindung zum Bösen zum Besten. Die Tabus der Gesellschaft wären noch lang nicht gebrochen und unter diesen ganzen Tabus wäre das gesellschaftlich vereinbarte Böse das Größte. Und das Größte Tabu im Bösen wäre der Tod, von welchem uns die Kunst befreit.
So oder so ähnlich 😉
In jedem Fall war mir Kommentarspalte irgendwann zu eng, deshalb sind hier nun einige Gedanken, die sich im Dialog miteinander noch ausgebildet haben…

Das gesellschaftlich vereinbarte Böse… Das ist ein Ausdruck, der für mich große Kraft birgt. Als ich vor etwas weniger als zwei Jahren anfing, im Tierpark zu arbeiten, wurde mir einiges bewusst. Durch das ständige Zusammensein mit Tieren, dadurch, dass ich ihre Kommunikation und Ausstrahlung, ihr Wesen begriff, wurde mir auch einiges über den Menschen klar.
Es ist jedem bekannt, dass uns Menschen wohl vordergründig das Bewusstsein vom Tier entkoppelt hat. Unser Bewusstsein führte uns in eine Zivilisation und man sagt gerne, wenn der Mensch dieses menschliche Bewusstsein, sein Urteilsvermögen und die Moral verliert, dann ist er nicht mehr, als jedes andere Tier.
Und genau das sah ich auf einmal. Ich sah im Handeln der Tiere genau jene Triebe, die auch uns zugrunde liegen. Fortplanzung, Überleben, Macht, Eifersucht. Ja, Eifersucht. Kamele und Yaks können Mistviecher sein, wenn sie sich vernachlässigt fühlen. Ich sah die Tiere all das ausleben als Teil ihrer selbst und mir wurde deutlich, wie oft wir es ebenso ausleben, doch auf eine andere Art. Nämlich als etwas schlechtes. Vielleicht sind es Phantasien, sexuell versaute oder unsere Wut über einen Kollegen, der die Gehaltserhöhung bekommt, die man doch genauso verdient hätte (vielleicht vermischen sich sogar beide Phantasien)… Phantasien, in denen man gewalttätig wird. Hass, weil man jemanden liebt. Usw… ( 😉 )
Doch das alles, diese Gedanken, das sind die bösen Gedanken. Die, die wir am Besten niemandem verraten. Und wenn, dann nur als Scherz verpackt. Erst recht zu dieser Zeit, da jeder mit Achtsamkeit und Gelassenheit kommt. Ich meine, ich bin da auch vollkommen für, versteht mich nicht falsch… Doch schwierig wird es, wenn Gedanken, die von Trieben und Regungen hervorgerufen wurden, die vollkommen natürlich sind, verteufelt werden. Wenn sie dem Bösen zugesprochen werden. Wenn niemand leugnen kann, dass er diese Seite an sich hat, doch sie dann eben die dunkle Seite genannt wird, jene, die man unterdrückt.
Was ist also der Unterschied zwischen mir und unserer übellaunischen Sau Soleika, die so gerne beim sauber machen ins Bein beißt? Nun gut, ich fresse eher selten meine eigene Scheiße und ebenso selten kommt es vor, dass ich Leuten ins Bein beiße, doch so genau müssen wir es nicht nehmen 😉 Der Unterschied ist, dass Soleika mich beißt und fertig ist die Laube. Sie macht es und sie ordnet es in kein Wertesystem ein.
Ich meine, ich bin froh, dass wir dieses Wertesystem besitzen, dass wir ein Verständnis für Moral haben, denn ich hätte keine Lust, weiter angst haben zu müssen, dass mir jemand ins Bein beißt, selbst, wenn ich den Schweinestall verlassen habe… Doch manchmal glaube ich, dass wir Menschen einige Dämonen weniger im Kopf hätten, wenn wir nicht die natürlichsten Triebe als schlecht bezeichnet hätten. Wenn wir uns selbst nicht für unsere Gedanken verurteilen würden.
Genauso fürchterlich wäre es natürlich, wenn wir angenommene Mordgedanken schulterzuckend annehmen würden und sagen „Na, dafür kann ich ja nix, das ist dann eben die Soleika in mir“… Wie so oft gilt es, einen Balanceakt zu bestreiten…

Ein weiteres Phänomen, das sich meiner Meinug nach mit dem gesellschaftlich vereinbarten Böse einstellt, ist unser Umgang mit Straftätern. Diese ganzen Kleinganoven, die Großganoven bis hin zu den ultimativen Bösewichten. Sie sind anders als wir. Sie sind das, mit dem wir uns nicht abgeben. Wir sperren sie weg, um uns vor ihnen zu schützen, aber auch, um zu zeigen, wie schön weiß doch unsere Weste ist. Dass sie aber weiterhin Teil unserer Weste sind und dadurch unsere Weste niemals weiß sein kann, egal, wie viele Waschgänge Perwoll sie über sich ergehen lassen muss, ist für mich keine Frage. Wie sagte Alexandre Lacassagne? Die Gesellschaft habe die Verbrecher, die sie verdiene… (Und verdammt nein, natürlich konnte ich mir seinen Namen nicht merken. Ich wusste nur noch dieses berühmte Zitat und wollte mich einmal wie ein Journalist fühlen, der behauptet, für seinen Artikel recherschiert zu haben^^)
Der Verbrecher ist nicht von Geburt an Verbrecher und auch, wenn man tagtäglich sich dazu entscheiden kann, welcher Mensch man sein will, sollte man nicht verkennen, welchen Weg ein Mensch vor dem Verbrechen gehen musste.
Die Triebe in uns sind alle gleicher Natur. Die Entscheidung, wie wir mit ihnen umgehen liegt aber nicht nur in unserer Kontrolle.

Nun, und da komme ich auch mit einer eher schlechten als rechten Überleitung zum zweiten Punkt… Nämlich, eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang uns allen stellt: Ist mein Tun richtig?
Und es tut mir leid, doch die Antwort, dass hier der Kluge von dem Dummen scheidet, da der Dumme nie diese Zweifel hat, stellt mich nicht zufrieden.

Denn was sagt uns das denn? Zunächst bin ich kein Fan der Unterteilung in Klug und Dumm, doch ich bin mir bewusst, dass die meisten diese Worte nicht in dem Ernst nutzen, wie man vielleicht vermuten kann… Was mir immernoch die Frage offen lässt, was nun Klug ist… Intelligenz und das Wissen um alle Philosophen oder das reine Herz, das sich den Menschen öffnet. Ich tendiere definitiv zum Zweiten, auch, wenn ich der Philosophie recht zugeneigt bin^^
Ich denke dennoch, dass sich niemand mit diesem Spruch zufrieden geben sollte. Oft höre ich, wenn ich an mir zweifle, sei es an der Qualität meines Schreibens oder der Moralität (gibt es nicht, oder? Aber gefällt mir grade^^) meines Handelns „Ach Luna, sei beruhigt. Allein dass du dir diese Frage stellst zeigt doch schon, dass du ein guter Autor bist bzw ein guter Mensch. Sonst würdest du das nicht tun.“
Nein.
Dass ich mir diese Fragen stelle bedeutet nur, dass ich fähig bin, zu erkennen, dass ich eine Handlung durchführe und gleichzeitig die Frage formulieren kann, ob denn gut war, was ich gemacht habe. Das erfordert keine Leistung. An diesem Punkt musste ich weder auf Wissen, noch auf Moral zurück greifen. Gut, man braucht eine grundlegende Intelligenz, um Fragen stellen zu können, doch solang man nicht im Koma liegt ist dazu so gut wie jeder fähig, denke ich.
Bekomme ich also diese Antwort, bin ich nie beruhigt sondern fühle mich höchstens vertröstet. Es kommt doch nicht darauf an, dass ich mir die Frage stelle, ob mein Handeln moralisch war, sondern darauf, welche Antwort ich mir gebe.

Nun, und dann, um doch noch einen Bogen zum obigen Thema zu schlagen, kommt es darauf an, dass ich mich nicht verurteile für das, was ich bin. Denn man denkt nunmal so, wie man denkt. Niemand kann uns vor der inneren Soleika schützen und niemand sollte sie verneinen. Wir sollten mit ihr sprechen. Ihr zuhören und sagen „Ja, absolut. Dieses Arschloch hat es verdient, ins Bein gebissen zu werden“, um im Anschluss in Achtsamkeit und mit Gelassenheit an ihm vorbei zu gehen. Soleika wird das verstehen.
Denn wenn man sich dann fragt, ob das Tun richtig war und man erkennt, dass man moralisch gehandelt hat, ja dann ist man vielleicht sowas wie klug.

Aber auch nur vielleicht, denn woher soll ich das schon wissen?
Wisst ihr vielleicht genaueres? 😉

Ganz liebe grunzende Grüße
von der Luna ❤

 

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4 Antworten auf „Darüber, wenn wir uns gegenseitig in die Beine beißen- und über dummes Klug und kluges Dumm

  1. Danke für die anregenden Gedanken.
    Wir sind zwar nicht verantwortlich für unsere Natur, unsere Impulse und unser Gefühle,, aber wir haben die Gabe des Bewusstsein und darum auch die Verantwortung dafür, wie wir mit unseren Impulsen und Gefühlen umgehen und was wir daraus machen.
    Deine Gedanken zum Bösen erinnert mich an Hannah Arendts „Banalität des Bösen“ – wir haben das Potential allen in uns.

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    1. Oh vielen Dank! 🙂
      Hannah Arendt immer noch nicht gelesen, doch dieser Ansatz ist mir sehr vertraut.
      Ich denke, wir sollten uns alle dessen auch immer bewusst werden, bevor wir jemanden verurteilen…
      Einen schönen Tag wünsche ich dir!

      Gefällt 1 Person

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