Kürzestgeschichte: Kein Rucksack

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Sie schauen alle angestrengt zu ihren Füßen. Oder auf ihr Handy, dass sie schnell aus der Tasche gezogen haben. Es fällt ihnen sehr schwer, denn sie sind alle nervös, zucken bei jedem Schrei zusammen. Dennoch weiter Füße. Oder Handy. Oder Fenster, Sitzkissen, Armbanduhr, was auch immer. Hauptsache nicht den Kopf drehen und zu ihm starren. Es tut ein bisschen in den Ohren weh, ja, in ihrer aller Ohren hallt sein Schreien unangenehm wieder. Und sie ärgern sich über ihn. Es ist unverschämt. Es ist unverschämt, denn sie wissen, dass sie sich nicht über ihn ärgern dürfen.
„Die Schweine!“
Seine Stimme ist rau. Alkohol. Sie wissen alle, dass es vom Alkohol kommt. Von Zigaretten und kalten Nächten unter freiem Himmel. Es muss Zeiten gegeben haben, da klang er wie sie. Da saß er in einer solchen U-Bahn und stieg nach 5 Stationen wieder aus, um irgendwo hin zu gehen, wo er etwas zu tun hatte.
„Diese scheiß Wixxer! Ich hasse sie! Ich hasse sie!“
Sie wissen nicht mehr, wohin mit sich, denn er ist aufgestanden. Seine herunter gekommene Gestalt geht im Abteil auf und ab, brüllt weiter mit einerStimme, die Konzertsääle beschallen könnte und zieht eine säuerliche Duftnote hinter sich her. Jeder Schritt drückt eine unerwartete Kraft auf, eine Wut. Eine Verzweiflung, die die gesamte Luft durchtränkt hat und ihren Atem einnimmt. Warum kann er nicht einfach sitzen bleiben, denken sie. Und sie wissen, dass sie es nicht denken dürfen.
„Die Schweine! Sie haben ihn geklaut, haben ihn einfach geklaut! Ich bringe die um. Alle, alle bring ich um, ich hasse sie! Er ist weg, mein Rucksack ist weg!“
Sie merken es nicht, doch in dem Moment, in dem sich ihrer aller Herz ein wenig zusammen zieht drücken sie ihre Taschen ein wenig fester an sich.
„Alles ist weg! Diese Arschlöcher! Ich hasse sie, ich will sie umbringen! Da stand er und sie haben ihn geklaut! Alles ist weg. Alles. Diese Schweine… Sie… Alles… Einfach alles…“
Niemand bewegt sich, ihr Atem ist flach. Nur er geht auf und ab, rennt wieder und wieder zu seinem Platz, als hoffte er, dass sein Rücksack und damit all seine wenigen Habseligkeiten plötzlich wieder aufgetauscht seine könnten.
„Ich hasse sie!“
Schreit er noch einmal und wartet. Niemand weiß, ob er merkt, dass er allein im Abteil ist. Natürlich ist er nicht allein, da sind viele. Doch er ist allein. Sie hoffen, dass er nicht weinen wird. Oh, sie hoffen es so sehr. Und dass er endlich still sein würde. Sie dürfen es icht denken. Sie sagen zu sich selbst „Nein“, doch haben sie keine Kraft über diesen Gedanken. Zu sehr ist dieser von dem unangenehmen Gefühl geleitet, von so vielen Gefühlen geleitet. Sie sehen auf ihre teuren Schuhe, die Handys, die Taschen, die Uhren und wieder zeiht sich ihr Herz zusammen. Doch sie bleiben weiter still.
Als der Waggon stehen bleibt, erlöst er sie nicht. Er steht weiterhin im Gang, den Kopf nun geknickt, etwas Unverständliches in seine offene Jacke brabbelnd. Mit dem Geruch vom Öl und Abgasen kommen drei Jugendliche durch die geöffnete Tür und lassen sich laut lachend auf freie Sitze fallen. Sie sind betrunken. Der Mann geht auf seinen Platz zu, steht noch unschlüssig daneben und hebt seine Stimme wieder ein wenig an.
„Diese Schweine! Ich hasse sie!“
Doch es hat nicht mehr den Effekt. Seine Stimme teilt sich den Raum mit denen der Jugendlichen, sie lachten, stoßen sich in die Seite. Einer sagt „A“, eine andere „Stopp“. Der Erste grinst: „E“. Sie tippen auf ihren Handys, lachen und stoßen sich in die Seite. Sie sagen, sie wären betrunken und lachen. Als er noch einmal laut sind schauen sie kurz zu ihm, dann sehen sie sich an und müssen kurz lachen. Dann der Blick wieder auf den Handys und tippen.
Die Leute entspannen sich. Sie lockern den Griff um ihre Taschen, sie starren nicht mehr auf den Bildschirm, sondern öffnen Whatsapp und Instagramm und sehen hinüber zu dem Jungen und den zwei Mädchen, denen der Kayal verwischt ist. Ihre Wangen sind jung und rosig. Und sie lachen. Eine der drei wendet sich zur Seite und sieht verschwörerisch ihren Sitznachbarn an. „Ey, psst. Weißt du einen Fluss mit E?“ Sie lacht dabei.
Der Mann sitzt mittlerweile auf seinem Platz, zusammen gekauert wie ein Hund in seinem Körbchen. Manche glauben, ein schnaufen oder schluchzen zu hören, doch sie entscheiden sich dazu, nicht hinzusehen.

 

Bildrechte bei Victor Kallenbach – unsplash

7 Antworten auf „Kürzestgeschichte: Kein Rucksack

  1. Hilflos ist das Wort, das mir dazu einfällt. Beide Seiten in der Situation sind hilflos. Der Mann, dem offensichtlich keiner helfen kann und/oder will und die Menschen im Waggon, die sich und ihm nicht zu helfen wissen.
    Sehr bewegend geschrieben.

    Gefällt 1 Person

    1. Es ist so schön zu sehen, wenn eine Geschichte genauso angekommen ist, wie sie ankommen sollte… Ich danke dir sehr für deinen Kommentar! Die Geschichte ist mir tatsächlich wichtig, um so schöner ist es, zu sehen, dass sie nicht kalt lässt!
      Liebe Grüße

      Gefällt 2 Personen

  2. Großartig geschrieben, liebe Luna. Sehr atmosphärisch. So, dass ich alles WIRKLICH ERLEBT habe. – Sehr unmittelbar sogar (Das mag auch damit zu tun haben, dass mich Geschichten mit Betrunkenen immer ein bisschen triggern …) – Besonders nachvollziehbar und exakt „getroffen“ finde ich die von Dir unmittelbar aber auch mittelbar erfasste und beschriebene Emotionswelt der Beteiligten.

    Der Text ist in meinen Augen ein kleines Meisterwerk.

    Liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 1 Person

    1. Oh, ich danke dir! Es sit so wundervoll zu lesen, dass meine Geschichte Wirkung hatte… Sie liegt mir sehr am Herzen… Es hat mich sehr fertig gemacht, sie zu schreiben und sie nimmt mich auch ein wenig mit… Um so schöner ist es, wenn sie auch auf andere wirken kann!
      Ich danke dir!

      Gefällt 2 Personen

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