Rezension: Wolfgang Herrndorf – Sand

20190112_115615.jpg

Ahoi meine Freunde!

Mein Stapel an gelesenen, aber unrezensierten Büchern wächst kontinuierlich (leider nicht so schnell, wie jener der ungelesenen…), sodass ich nun doch mal endlich in die Tasten hauen muss! Und da komme ich nicht umhin, euch als erstes „Sand“ vorstellen zu müssen von meinem Herzblatt Herrndorf ^^

Autor

Wolfgeng Herrndorf, geboren 1965, ist wohl vorallem durch sein Werk „Tschick“ bekannt. Zudem vereint er eine tragische Lebensgeschichte mit seiner Person, was ihn natürlich für die Öffentlichkeit markant herausstechen lässt: Er ist nämlich tot. Hirntumor. Und zur heimlichen Freude der Journalisten, die vergebens nach dem Pep in verschiedenen Autorenbiografien suchen, während sie deren Bücher besprehen, nahm sich Herrndorf nach drei Jahren Krankheit schließlich das Leben. Fast zu schön um wahr zu sein. Da hat man definitiv die Aufmerksamkeit der Leser auf seiner Seite, irgendwie muss man schließlich mit der Flut an Schreckens- und Sensationsnachrichten mithalten, wenn man nicht verloren gehen möchte.
So, wem war das nun zu makaber? Wer sagt, so dürfe man nicht über den Tod eines Menschen schreiben? Bitte mal kurz Hand heben. Aha, okay. Ja, dann kannst du eigentlich den Artikel schließen, denn ich glaube nicht, dass du dann Herrndorf lesen solltest.
Makaber ist im Bezug auf Herrndorf nämlich eine harmlose Untertreibung.
Er ist wohl eine der interessantesten Autorengestalten, die Deutschland seit langem zu bieten hatte. Er ist Eigen. Er ist einfach Herrndorf. Wären wir im englischen Sprachraum, so würden wir sicher aus seinem Namen ein wohlklingendes Adjektiv formen können. Es kann eben nicht jeder das Glück haben und mit einem derart deutschkompatiblen Namen geboren werden, wie Kafka. Also, nehmen wir an, wir gebräuchten das Wort herrndorfish, wofür würde es stehen? Es wäre etwas, was manchmal ein bisschen unbequem ist, so, als versuchte jemand bei diesen Kinderspielzeugen einen Würfel durch ein Kreisrundes Loch zu stecken. Der Würfel würde anecken, er ließe es nicht mit sich geschehen. Der Würfel würde darauf bestehen, Würfel zu sein. Und er hätte eine Abneigung dagegen, es ständig zum Thema zu machen, dass er so war, wie er war. Ja wahrscheinlich würde er sogar das Wort Individualität und dessen Gebrauch hassen. Außerdem würde das Wort bedeuten, in einer seltsamen, grausamen Welt zu leben. In einer Welt, in der nunmal Würfel durch kreisrunde Löcher gepresst wurden und in der nach kurzer Zeit der Würfel mit einem Schulterzucken zur Seite geworfen wurde, weil er keinen Spaß mehr machte.
Das ungefähr bedeutet Herrndorf für mich. Das spiegelt sich in seinen Büchern.
Herrnorf ist ein Punk. Er schreibt, was er ist und es scheint ihm egal zu sein, was andere daraus machen.

Inhalt

Puh, schwer zu sagen, worum es nun in diesem Roman geht. Ein Crossover Produkt, könnte man so sagen. Aber was erwartet man auch anderes von einem Würfel!
Man könnte es einen Kriminalroman nennen, einen Gesellschaftsroman. Oder „Trottelroman“, wie es Herrndorf empfahl. Und da ist er wieder, Herrndorf. Der Mann, der seinen Roman, den Roman, für den er den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, Trottelroman betitelt.

Während in München Palästinenser des «Schwarzen September» das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis. Nordafrika 1972.
– Klappentext Rowohlt Taschenbuch Verlag

So, da sollte doch alles klar sein, nicht wahr? Natürlich nicht. Nach diesem Klappentext hatte ich keine Ahnung, was mich erwarten würde, was leider dazu führte, dass ich nie genau wusste, wann dieses Buch passen könnte. Ein unbestimmtes Gefühl trieb mich nun im November dazu, nach Jahren endlich diesen Herrndorf zu lesen – und ich weiß nicht, glaubt ihr an Schicksal? Es war der genau richtige Moment!
Ich werde hier nicht weiter auf den Inhalt eingehen. Nur so viel: Der Mann ohne Gedächtnis spielt eine entscheidende Rolle. Doch was ist schon entscheidend.
Letztlich driftet man von Handlung zu Handlung und so einige Passagen waren dabei, die sich als vollkommen unbedeuted für den Roman herausgestellt haben. Letztendlich hat sich herausgestellt, dass der komplette Roman unbedeutend für den Roman war.
Camus, Sarte… Ihr könnt einpacken. Aber nehmt euch zuvor noch Herrndorfs „Sand“ mit, bevor ihr euch auf eine einsame Insel verkriecht, euch zusammenkauert und euch über die Sinnlosigkeit eurer Existenz bewusst werdet, wie nie zuvor.

Was ich dazu zu sagen habe?

Kaufen! Lesen! Unbedingt!
Aber halt… Bevor ich Hasskommentare dafür ernte, wie ich euch nur dieses grausame Werk empfehlen konnte, lasst mich noch etwas sagen:
An „Sand“ findet man nur Gefallen, wenn man sich gerne kaputt machen lässt. Wenn man gerne eine Geschichte liest, die Erbarmungslos mit ihren Protagonisten herumspringt. Und damit meine ich wirklich Erbarmungslos. So, wie das Leben. Denn das Leben kündigt auch nicht mit dramatischer Musik und herzzerreißenden Close-Ups an, dass jemand stirbt. Im Leben fällt man vor der Leiter und das wars. Oder man hat einen Hirntumor. Lebt drei Jahre abwechselnd in Hoffnung und Verzweiflung. Dann ein Schuss und das vom Tumor zerfressende Gehirn sickert in den Boden.
DAS ist Herrndorf.
Jemand, der das Leben auf eine Art einfängt, dass es weh tut, es zu lesen.
Und doch ist man süchtig. Ich hätte zu diesen 450 Seiten noch 400 weitere gelesen. Denn ja, es ist grausam. Aber es ist gut. Und es ist witzig. Ja, man kann lachen. Man kann mit dem Mann ohne Gedächtnis mitleiden, der jeglichen Bezug zur Realität verliert, und man kann trotzdem Lachen.
Denn Herrndorf ist ein grandioser Autor. Denn auch da ist er ganz Würfel. Es ist selten, wirklich neues zu lesen. Alles wurde schon so oft besungen, tausendmal beschrieben… Es ist schweißtreibend, Formulierungen zu finden, Gedanken zu denken, die so noch nie dagewesen waren. Doch wie soll ich sagen… Für jemand, der durch und durch Würfel ist, ist das kein Problem. Wer Herrndorf liest, der liest einen Geist, den es so nicht ein weiteres Mal auf der Welt geben wird.
Jemand namens Lundgren ist aufgestanden und gegangen. Wie sagt es Herrndorf? „Lundgrenförmige Luft hat seinen Platz eingenommen.“

Dieses Buch war tatsächlich eine der intensivsten Leseerfahrungen seit langem. Schwer zu empfehlen, doch vorsicht… Ich übernehme keine Haftung im Falle einer Sinnkrise!

Was sagt ihr Freunde?
Ist Herrndorf euch ein Begriff, zählt er ebenso zu euren Favoriten, oder könnt ihr meine Liebe zu ihm nicht wirklich nachvollziehen?
Seit ihr doch eher so die Abteilung Happy-End?

Lasst es mich gerne wissen!

Einen schönen Tag wünscht euch wie immer
die Luna ❤

14 Antworten auf „Rezension: Wolfgang Herrndorf – Sand

  1. Was für ein Text! Überwältigend! Eins hast Du bei mir in jedem Fall erreicht: Ich bin sehr, sehr neugierig geworden, ohne zu wissen, was mich eigentlich erwartet, allerdings irgendwie spürend, dass ich Deiner Euphorie gern ein bisschen vertrauen darf.

    In jedem Fall scheint es sich bei dem rezensierten Roman um einen völlig anderen als „Tschick“ zu handeln, der das einzige Werk ist, welches ich bisher von Herrndorf gelesen habe. Für mich seinerzeit eins der wohl originellsten „Roadmovies“ in geschriebener Form – ich halte es für ein wunderbares Jugendbuch, was gern von Erwachsenen gelesen werden kann und sollte.

    Nun ist da also „Sand“ – wenn ich bloß wüsste, wann ich es lesen soll (mein Stapel noch ungelesener Bücher reicht nämlich schon bis unter die Decke und mein Vater, vor allem, lässt ihn beständig weiter wachsen) … – aber die Neugierde ist nun wirklich verflixt groß …

    Schönsten Dank jedenfalls für die so ganz besonders formulierte Empfehlung (denn das ist Deine Rezension), liebes Lunchen (darf ich das eigentlich immer so schreiben …???) und viele ganz liebe Grüße an Dich!

    Liken

    1. Oh, wie schön dass dich die Rezension angesprochen hat ^^ kurzzeitig war ich mir unsicher, ob man das tatsächlich so schreiben kann… Aber dann dachte ich mir „komm, es fühlt sich richtig an, also mach es so und nicht anders^^“
      Und diesen leidigen anwachsenden Bücherstapel kenne ich… Habe letzte Woche mal aus meinem Regal alle gelesenen Bücher rausgeräumt um mir alle anzusehen, die ich noch lesen möchte… Es war erschreckend… Und da zählen noch nicht mal die dazu, die ich nicht hier habe^^

      Und du kannst mich immer gerne Lunchen nennen^^

      Gefällt 1 Person

  2. Du schriebst echt wundervoll! Total lebendig und mitreißend! Ich muss gestehen, dass ich eher ein Happy-End-Leser bin, es sei denn das traurige Ende ist sinnvoll (und das scheint bei diesem Buch ja nicht gerade der Fall zu sein), aber deine Beschreibung hat mich doch ziemlich neugierig gemacht, und ich muss wohl in die Bücherei nachschauen, ob sie dieses Buch haben. Es soll ja sehr lehrreich sein, neues auszuprobieren 😉
    Ich dachte tatsächlich vor Kurzem, ob ich nicht bald wieder ein Krimi-artiges Buch lesen sollte, und dann schreibst du diese Rezension.. Ob ich an Schicksal glaube? Oh ja, ohne Zweifel.

    Liken

    1. Ich sollte werbetexterin werden, wenn ich Leute so gut überzeugen kann 😉😅
      Und ja, vielleicht ist es genau das richtige gerade für dich!
      Es ist tatsächlich nicht wirklich ein klassischer krimi, es bedient sich einiger Elemente, aber eig lässt sich das Buch sehr schwer irgendwo einordnen. Und ich sage mal so, das Buch in seiner Gesamtheit und mit seinem schlechten Ende ist zwar sinnlos, macht aber genau deswegen Sinn 😉

      Liken

      1. Au ja. Ich wollte schon immer Werbetexterin werden. Du wärst bestimmt der Hammer! 😉
        Das Buch ist jetzt bestellt! Ich freue mich! Du hörst dann von mir, wenn ich es durchhabe. 😎

        Liken

      2. Oh jetzt bin ich ganz aufgeregt ^^
        Kennst du das, wenn du so ein bisschen Angst davor hat, was der andere von einem Buch halten wird, das man selbst total feiert? ^^
        BTW… Der letzte Blogger, der sich aufgrund einer meiner Empfehlungen ein Buch gekauft hat, hat sich seitdem nie wieder gemeldet und ist absolut inaktiv 😅
        TU mir das nicht an😉

        Liken

      3. Oh ja, das Gefühl kenn ich nur zu gut und ich habe es lange Zeit vermieden, Leute Sachen zu empfehlen. Aber bleib ganz ruhig, ich bin nicht streng – außerdem hast du uns ja gewarnt (und das Buch leihe ich mir aus der Bücherei, also halb so wild) 😙

        Liken

      4. So! Ich bin fertig und begeistert! Diese Geschichte hat mich sehr, sehr gefallen! Klar, war sie nicht gerade erfreulich, aber mir hat sie trotzdem gefallen, denn alles war so absurd und in einem so geilen Ton geschrieben. Ich habe mal ein Buch (die Afrika-Trilogie von Jakob Ejersbo) gelesen (ja, komischerweise auch über Afrika), in der die Welt auch als sinnlos beschrieben wurde, doch nicht nur sinnlos, sondern auch hoffnungs- und trostlos, und weil die Geschichte schrecklich realistisch war, wurde mir richtig übel beim Lesen. Doch wegen der Absurditäten dieser Geschichte war die Sinnlosigkeit des Ganzen völlig auszuhalten und auch irgendwie nachzuvollziehen.. Ach, das war ein richtig schönes Leseerlebnis. Sollte man vielleicht nicht glauben, aber doch. War es. Danke! 🙂

        Liken

      5. Ach, das freut mich gerade richtig doll! ☺
        Sag mal, fiel es dir auch so schwer, die Szenen der Folter zu ertragen… Ich war erstaunt, wie viel Zeit er sich dafür gelassen hat 🙈 also es war absolut berechtigt und genial… Aber ich habe selten so sehr die Augen zusammen gekniffen beim lesen (auch, wenn einem das ja gar nichts bringt ^^)

        Liken

      6. Ja, mir waren diese Szenen auch ziemlich unangenehm, besonders wegen seines gleichgültigen, Schulterzuckenden Tons (wenn du weißt, was ich meine). Ich habe da keine Pause eingelegt. Ich wollte es einfach so schnell wie möglich überstehen, aber ging ja nicht, denn, wie du sagst, er hat sich echt viel Zeit dafür gelassen..

        Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s