Roman-Projekt: Hallo Thomas

 

Nicht täuschen lassen, er tut nur so, als würde er arbeiten. Eigentlich ist er gerade ziemlich müde, denn es kann anstrengend sein, wenn man der Protagonist eines Romans ist. Davon weiß er aber natürlich nichts und es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich über diese Kopfschmerzen zu wundern. Immer diese Kopfschmerzen und das Gefühl, das irgendwas nicht stimmt.
Er sitzt in seinem Arbeitszimmer, vor ihm der aufgeklappte Laptop. Ein gewohntes Bild und nur, damit kein falscher Eindruck entsteht… Normalerweise arbeitet er auch wirklich. Dann sitzt er nicht einfach nur da, starrt Richtung des Laptops und massiert sein Hirn, indem er den Bildschirm abwechselnd scharf und unscharf stellt. Doch gerade, da geht es einfach nicht anders. Die Arme sind zu schwer, als dass er sie bewegen könnte und er hat vergessen, warum. Er muss an seine Mutter denken, wie er sie als kleiner Junge manchmal sah, wenn er durch die angelehnte Tür des Schlafzimmers blickte. Sie lag auf dem Bett, diffuses Licht, das seinen Weg durch die herunter gelassenen Jalosien gefunden hatte, fiel in Streifen auf ihr Gesicht, das seltsam abgeknickt auf einem Berg aus Kissen lag. Ihre Arme lagen mit den Handflächen nach oben auf der Decke, die sich nicht bewegte. Er glaubte damals, sie müsste sich doch bewegen, man müsste doch sehen, dass seine Mutter atmete, doch da war  nichts. Nur immer wieder dieses Stöhnen und Seufzen. Wenn sie Stunden später mit einem müden Lächeln wieder in der Küche oder dem Wohnzimmer erschien, hatte sie auch vergessen, warum sie da so gelegen hatte. Es war eben so gewesen, mehr konnte sie nie dazu sagen.
Er schloss die Augen und glaubte, durch Konzentration das Stechen im Kopf besiegen zu können, doch es ging nicht. Vielleicht sollte er mehr trinken. Noch mehr. Mehr trinken konnte nicht immer die Antwort aller Fragen sein. Der Bildschirm wechselte zum Energiesparmodus. Er müsste etwas machen, käme Anne jetzt rein, wäre die Situation schwer zu erklären. Andererseits war er sich nicht mehr sicher, ob sie überhaupt gerade da war. Musste sie nicht wohin? Oder war das gestern? Diese Kopfschmerzen. Und immer wieder die Bilder der Versammlung. Wie sie alle dastanden. Die Blicke. Fragen. Am schlimmsten waren aber die Fragen, die nicht gestellt wurden. Waren die Blicke, die sich abgewendet hatten und die sich jetzt erst ihren Weg zu ihm suchten und darauf bedacht waren, möglichst unangenehm zu sein.
Er stellte den Bildschirm scharf, diesmal blieb er es auch. Trinken, trinken ist vielleicht tatsächlich nicht die schlechteste Idee.


Ich finde es äußerst spannend, meine Figuren außerhalb des Plotts ein bisschen auszuspionieren. So nach dem Motto „Was macht der Held, wenn keiner hinschaut“…
Als solches ist auch dieser Text zu verstehen und auch die weiteren, die in dieser oder ähnlicher Form noch kommen werden.
Für mich eine prima Möglichkeit, mich in einer Blockade den Figuren und dem Plot zu nähern und für euch eine Gelegenheit, sie ein kleines bisschen kennen zu lernen^^
Dieser Text ist ziemlich frei von der Hüfte geschrieben, hat auch nicht zwingend viel mit dem Romantext zu tun, dennoch würde mich sehr interessieren, was eure etwaigen Gedanken dazu sind 😉

Eine wundervolle Zeit
wünscht euch
die Luna ❤

11 Antworten auf „Roman-Projekt: Hallo Thomas

  1. Eine schöne Idee, sich quasi selbst über die Schulter zu schauen und so zu sehen, was für eine Figur man da überhaupt geschaffen hat, so ganz „privat“, jenseits des Rampenlichts, das die Romanseiten darstellen.
    Zum Text selbst kann ich nicht viel sagen, außer dass ich es einigermaßen nachvollziehen kann, die Schmerzen und dieses „Abschalten“, wenn man sich in sich selbst zurückzieht. Nur wieso wäre die Situation schwer zu erklären, wenn nun Anne reinkäme? Eine kurze Pause, mal eben in Gedanken sein… ist sowas für ihn wirklich so unglaubwürdig? Dann wäre er wirklich eine tragische Figur. Oder ist er selbst in so belanglosen Situationen unfähig ein wenig zu flunkern? Das könnte sehr interessant werden in anderen Situationen.
    Anyway, keep going xD

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    1. Schön, dass dir die Idee gefällt^^
      Nunja, würdest du Anne bereits kennen, wäre es vielleicht nicht ganz so abwegig für dich… Nicht, dass ihr dieser Zustand fremd wäre, aber es fiele ihr sicher schwer, darauf zu reagieren…
      Doch ich glaube, dass du, sofern du magst, recht bald mit ihr in Bekanntschaft treten kannst 😉

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  2. Es fesselt mich, das Stück. Kopfschmerzen – ok. Hirn massieren durch scharf und unscharf Sellen des Displays – genial! Aus der Hüfte geschrieben – gut! Dass der Energiesparmodus einsetzt – eher schlecht, ist mir zu viel Technik, obwohl es ja ein Vergleich zur dösenden (?) Mutter in der Rückblende sein könnte. Anna – gibt es um Himmelswillen keine anderen Mädchen-/Frauennamen? 😉 Die Versammlung – vielleicht Grund der Kopfschmerzen, aber warum?
    Der Kardinalfehler vieler junger Autoren, sie zerreden ihre Produkte! Sie liefern gleich einen Waschzettel mit: in die bunte Wäsche, Baumwolle bei 40 °C. Ich möchte nicht wissen, wo ich das in Dein Gesamtwerk einordnen kann, jede Zeile, jedes Wort, jede Silbe und jedes Morphem muss die Kraft haben, allein zum Leser zu sprechen.
    Und es soll mehr davon geben? Ich möchte es gerne lesen! Nur, hältst Du, was Du versprichst? Vielleicht züchtest Du morgen Rosen? Oder Kakteen? Oder machst eine Hühnerfarm auf? 🙂 Mit jedem Text, den Du schreibst, wirst Du sicherer und selbstbewußter, reibt er sich an der Öffentlichkeit. Und es gibt keinen kurzen Weg.

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    1. Ahoi! Danke fürs vorbeischauen und für Lob und Kritik gleichermaßen^^
      Tatsächlich heißt sie Anne, was allerdings wohl auch nicht viel origineller ist… Doch finde ich originelle Namen in Texten oft anstrengend^^
      Und was das erklären angeht, da bin ich geteilter Meinung. Ich denke auch, man muss nicht jedem Gedicht, jedem Text oder was auch immer eine mukkelig warme Umgebung schaffen, die alles erklärt. Der Text muss es allein schaffen, die richtigen Fragen zu stellen und diese in genau richtigem Maße zu beantworten, oder eben unbeantwortet zu lassen. Doch es gibt durchaus auch Texte, die nur als Zusammenhang gesehen werden können. Demnach war mein Ziel, hier einen Hinweis auf einen sich aufbauenden Zusammenhang zu geben, mehr nicht.
      Wie dem auch sei, viel Freude beim Weiterlesen, wenn es dir danach belieben sollte 😉

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  3. Mir gefällt die Idee, deine Figuren auszuspionieren. Das finde ich super und ich glaube, das kann dir nur helfen.
    Mir gefällt am Text, wie du von der Außenperspektive fließend in die Innenperspektive übergehst. 🙂

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