Roman – Projekt: Hallo Anne

neiu

Gepflegte Füße zu haben spricht über den Charakter eines Menschen. Man könnte die Nägel schneiden, wenn sie schmerzhaft in den Fuß wachsen und unangenehm an Socke und Schuh reiben. Man könnte sie erst dann eincremen, wenn die Ferse unter spannender Trockenheit juckt und man des Nachts davon erwacht. Man könnte mit Socken ins Bett gehen und der Partner würde ziemlich sicher nicht erfahren, wenn Fußpilz die Nägel gelb färbt. Füße sind persönlich. Zu besonderen sommerlichen Anlässen könnten sie gepflegt und aufgehübscht werden, um sich in zierlichen Sandalen zu präsentieren, und den Rest des Jahres in einer gemeinsamen Verschworenheit mit dem Fußträger im Verfall zu verbringen. Würde Anne zu übersteigerten Übertreibungen neigen, würde sie sagen, dass sie eher sterben würde, als ein solches Verhältnis zu ihrer Fußpflege einzugehen.
Kleine Hornsplitter flogen in einem scharfen Bogen in die Badewanne. Anne schaute mit zusammengekniffenen Augen auf das Ergebnis. Jeder Nagel eine perfekte Rundung. Nachdem sie die Nagelüberreste in den Ausguss gespült hatte, schaute sie auf das letzte an der Wanneninnenwand hinabrinnende Wasser, das ein Netz aus kleinen Flüssen und Bächen formte.
Mit der Zeit würde sich alles beruhigen, dachte sie.
Es ist verständlich, dass alle ein wenig verwirrt sind, dass niemand weiß, wie er sich verhalten soll, dachte sie.
Es wird alles gut.
Dachte sie.
Sie griff nach ihrer Nivea Körperlotion, die ihr ein geschmeidiges Kaschmiergefühl versprach und unter massierenden Bewegungen tatsächlich ihre Füße erwärmte. Es fühlte sich gut an. Und alles würde gut werden. Es war auch okay, dass sie immer noch diese ganzen Gesichter vor Augen hatte. Ihre Blicke. Auch das war verständlich. Es war nur natürlich, dass sie verunsicherte, dass die anderen verunsichert waren.
Man sollte manches ansprechen. Sollte den Elefanten aus dem Sack lassen. Nein, nicht aus dem Sack. Den im Raum.
Unter sich spürte Anne den Rand der Badewanne, ihren rechten Fuß hielt sie noch immer in den Händen, wenn sie ihn auch schon lange nicht mehr massierte. Sie würde gern joggen gehen, doch der Gedanke, das Haus zu verlassen, löste ein Unbehagen in ihr aus. Sie müsste natürlich nicht hinsehen, doch sie wüsste, dass es ein erzwungenes Wegschauen wäre und keine natürliche Unbedachtheit. Sie wusste, dass dort dieses Graffiti prangen würde. Das sie durch eine Umgebung joggte, die an jenem Graffiti vorbei führte.
Sie könnte in den Garten gehen, vielleicht war in der Besenkammer noch Möbelpolitur zu finden und sie könnte endlich die Terassenmöbel behandeln. Dann könnten Thomas, sie und die Kinder bald draußen frühstücken, alles wäre schön und ordentlich. Sie könnte Frühblüher kaufen.
Sie verließ das Bad und ging die Treppe hinab ins Erdgeschoss, dabei intensiv an Primeln und Tausendschön denkend. Nicht an das Graffiti. Und bestimmt nicht an die Blicke der Nachbarn.

 


Mehr davon? Sag doch mal Thomas „Hallo“ 😉

Und wenn ihr die grobe Idee hinter dem Roman-Projekt erfahren wollt, hier entlang 😉

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