Lyrisches: Zeitenwechsel

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Heute habe ich zum ersten Mal den Herbst gerochen.
Zu gern hielte ich diesen Moment fest.
Erinnerte mich dessen, behielte es im Gedächtnis.
Doch dieser Augenblick, der mich so sehr im Banne hielt, der in mir eine ganze Armee von Gefühlen entfesselte, mich wehmütig stimmte, erfreute, beglückte, melancholisch werden ließ und mit schwerem Gemüte und leichtem Herzen auf die sich unter dem starken Winde biegenden und doch noch grünen Wipfel blicken ließ, dieser Augenblick würde doch verklingen. Würde nur noch der Moment sein, da ich irgendwann zum ersten Mal im Jahre den Herbst gerochen hatte, schließlich würde auch das vergessen. Dann wäre Herbst und ich seiner derart gewöhnt, dass es nur noch schwer vorzustellen wäre, dass ich jemals einen anderen Geruch vernommen hätte.
Aber dann, wenn es soweit gekommen ist, dann wird sich etwas neues ereignen.
Denn dann, dann folgt der Augenblick, da ich das erste Mal den Frühling rieche.

8 Antworten auf „Lyrisches: Zeitenwechsel

  1. Herbst. Ja, Dein „Zeitenwechsel“ ist wunderbar geschrieben! Ein Prosagedicht?
    Interessant finde ich auch in dem Gedicht die Vergesslichkeit des Lyrischen Ichs. Weil nicht der Herbst an sich als Merkmal für Vergänglichkeit genommen wird, z. B. Laub fällt von den Bäumen etc., sondern die Erinnerung an diesen einen Moment, der immer wieder verloren geht. Und während der Moment schon längst nicht mehr im Gedächtnis existiert, spielt die Zeit irgendwann einen ebenso wichtigen und schönen, aber wohl genauso untergehenden Moment zu: der erste Geruch des Frühlings.
    Aufgeschrieben gegen das Vergessen hast Du es ja schon, aber schreibe Dir auch auf, wo es steht! 😉
    Für viele Menschen ist der Herbst eine Änderung, ein Einschnitt, eine Abspaltung, Trennung und Abschied, von der viel mehr geliebten Jahreszeit, dem Sommer.
    Ich betrachte den Herbst jedoch als Rückkehr zu normalen Verhältnissen. Mir reicht meine eigene Körperwärme zum Leben, da brauche ich keine Fiebertemperaturen draußen im Schatten von 40 Grad. Ob freundlich mit Sonnenschein oder miit stürmischem Wind und Regen, auf jeden Fall fühle ich mich wohler in Textilien gekleidet das Haus zu verlassen, meine nackte Haut ist nur etwas für meine Intimpartnerin!

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    1. Mensch, wie seltsam es sich doch anfühlt, eine Interpretation (dazu noch eine solch treffende) zu einem eigenen Gedicht zu lesen… Da merkt man erst, dass selbst meine unbedeutenden Worte doch irgendwo einen Anklang finden können…

      Und ja, ich freue mich auch derart auf die kalte Jahreszeit! Endlich wieder mukkeln und zur Ruhe kommen… Kein ständiges zum See rennen, keinen Aktivitäten hinterher rennen… Mal zuhause bleiben können, und kein schlechtes Gewissen der scheinenden Sonne gegenüber haben 😉

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