Insta-Autoren: Eine Abrechnung

Instagramm

Seid gegrüßt!

Ihr müsst wissen, ich bin etwas altbacken. Nicht umsonst heißt diese Seite „Schreibmaschinchen“. Es mag damit zusammen hängen, dass ich bis heute die Letzte bin, die am Schulcomputer den An-Knopf findet.
Bei meinen Freunden fing es mit Studi-vz an, dann gingen alle zu Twitter, Facebook, Tumblr, Instagram und was weiß ich wohin. Ich konnte diese Konzepte nie wirklich verstehen. Warum soll ich irgendwas mit einer großen Gruppe teilen? Fotos, Links und Zitate schicke ich an betreffende Personen, was soll bitte der Rest damit? Das Konzept dieser Vernetzung war mir nie wirklich schlüssig. Ich hatte nicht das Bedürfnis danach, virtuell irgendwo dabei sein zu müssen, mir reichten meine analogen Kontakte.

Bevor ich diesen Blog mit einem weiteren Menschlein als Gemeinschaftsprojekt gründete, musste ich mich auch zunächst damit anfreunden, in Social Media einzusteigen. Es hat sich definitiv gelohnt, denn in mancher Hinsicht hat mir der Blog sehr auf meinem Schreibweg geholfen – doch es ist und bleibt eben eine „Soziale“ Plattform, sodass ich immer wieder auch hier Bauchschmerzen habe.
Doch nun mal der Reihe nach.

„Insta-Autoren“ lautet die Überschrift, also soll es hier um Autoren auf Instagram gehen.
Instagram ist verdammt mächtig, so viel ist klar. Über eine Milliarde Nutzer laut Wikipedias letzter Angabe. Eine Milliarde.
Ich will es kurz machen: Ich hasse diese Plattform. Es gibt genügend Hinweise dafür, dass diese Form von Handy- und Internetnutzung einen schlechten Einfluss auf jugendliche Entwicklung, den Menschen generell und daraus folgernd auch auf die Gesellschaft hat. Ich nehme an, all das ist nun nicht gänzlich unbekannt, doch ich fasse kurz zusammen:
Die Royal Society for Public Health konnte in einer Studie belegen, dass gerade Instagram dank Filter, Photoshop und gestellter Szenerien ein verzerrtes Körperbild verursacht, Depressionen, Essstörungen und andere psychische Krankheiten stark beeinflussen, verstärken oder auslösen kann, nicht zuletzt durch Mobbing. Ebenso neigen die Nutzer zu Schlafdefiziten, die großen Einfluss auf ihre Leistungsfähigkeit haben. Das lässt sich auch darauf zurück führen, dass wir auf Instagram wie auf eine Droge reagieren, süchtig nach den Likes sind, aber auch nach den Neuigkeiten, die wir auf keinen Fall verpassen wollen. Scrollen, scrollen, immer scrollen. Jeder Moment des Wartens, jeder Anflug von Langeweile wird durch das Zücken des Handys und die monotone Wisch-Bewegung des Daumens vertrieben. Wer kennt es von sich oder anderen, dass sie sogar im Gespräch, ohne es zu merken, auf Instagram unterwegs sind, nur, weil sich eine kleine Pause eingeschlichen hat? Und wer kennt das Bild, einem Freund über die Schulter zu schauen und zu sehen, wie dieser wieder und wieder seinen Feed aktualisiert – ganz automatisch, ohne es selbst zu hinterfragen? Wir können nicht mehr warten, wir können uns auch nicht mehr konzentrieren, denn wir kehren immer wieder zurück ans Handy, fluten unser Hirn mit Unmengen von Daten, bis dieses nicht mehr weiß, wo oben und unten ist – wir haben Probleme, Dinge gründlich zu Ende zu bringen und neigen zur Vergesslichkeit. Und unsere Aufmerksamkeitsspanne sinkt rapide.
Ich habe es satt. Ich habe es satt, Menschen zu sehen, die in jedem schönen Moment irgendein gestelltes Foto machen – nicht für die Erinnerung – für Instagram. Ich habe es satt, dass sich Menschen von utopisch gestellten Bildern runter ziehen lassen, dass plötzlichen Fitness- und Ernährungstrends hinterher gerannt wird, damit man auch endlich selbst ein Bild von seinem scheiß veganen Blaubeermüsli mit Acerola und Minze machen kann. All das schön trappiert auf einem Holzbrett und daneben irgendein fancy Gegenstand, der nichts mit all dem zu tun hat… am Besten eine Kamera und 3 Weintrauben.

Das ist also mein Problem, das ich mit Instagram habe.
Ich habe aber auch das Problem, dass ich schreibe und nicht weiß, ob ich einen Verlag finden werde. Sprich ich muss mich mit Selbstverlag und vor allem: Selbstvermarktung auseinander setzen. Und hierbei gilt es, wie ich hier von einigen lernen durfte, sich eine Crowd, eine Community aufzubauen und das am Besten auf allen Plattformen, die es so gibt. Und am Besten so früh, wie möglich. Klasse.
Na gut, dachte ich. Dann mal los.

Ich habe es mit Instagram versucht, habe selbst versucht, Bookstagramer und Insta-Autor zu werden, doch es hat mich angewiedert. Wirklich, ich war angewiedert, als ich für meinen ersten Beitrag innerhalb von Minuten 30 likes hatte. Ich war sauer. wofür werde ich hier bitte geliked? Mein erstes Bild war mein Bücherregal, drumrum rankte sich meine Gefleckte Efeutute. Ganz gewöhnlich. Wunderbar kitschig. Und ausreichend dafür, Anklang zu finden.
Meine weiteren Bilder waren ähnlich inhaltsarm. Bücher, meine Schreibmaschinen, mein Notizblog, Bücher und Teetassen, Notizblogs und Teetassen, mal ne Pflanzen, ein Zitat, Bücher und Notizbücher und Teetassen. Ich weiß nicht, was ich versuchte, darzustellen. Ich versuchte zu zeigen, dass ich schreibe und lese. Wie tausende andere auch. Die Accounts glichen sich alle. Alle gleichsam inhaltsleer. Allesamt Bücherwürmer, die zeigen wollten, dass sie 15 Bücher im Monat lesen konnten (von denen 12 wahrscheinlich von Liebe oder Drachen – oder Liebe UND Drachen handelten [im Übrigen nichts gegen Bücher über Liebe und Drachen, doch mir erscheint diese Art des Bücherpräsentierens weniger am Buch orientiert, als daran zu zeigen, wie viel man lesen kann]), Selfpublisher oder strebende Jungautoren, die noch nichts zustande gebracht haben. Alle Accounts gefüllt mit Büchern, Manuskripten, Teetassen, Büchern, Zitaten, Teetassen, Notizbüchern, Teetassen, Büchern…..
Es hat mich fertig gemacht.

Ja, ich verstehe, dass man sich als Autor Wege suchen muss, gelesen zu werden. Man muss Menschen auf sich aufmerksam machen. Doch ich habe starke Zweifel, dass Instagram dafür das richtige Medium ist. Vielleicht, wenn man Fotograf ist. Als Filmemacher, Maler, Comiczeichner, Journalist, Model, Bildhauer, Musiker, Comedian oder was auch immer. Auch diese ganze Selfcare-Recovery-Body positivity-Geschichte ist mit Sicherheit ein gutes Gegengewicht.
Letztlich ist Instagram aber eine Platform für kurze und schnelle Inhalte. Die Bilder werden vom Nutzer binnen von Millisekunden verarbeitet.
Ein Autor lebt durch seinen Inhalt, durch das, was er schreibt. Ich verstehe nicht, wie man als Autor auf Instagram für sich werben soll. Wo ist da die Möglichkeit für die Tiefe? Ich will Menschen durch meine Texte bewegen. Und keine sinnlosen likes für meine beschissene Teetasse gottverdammt nochmal.
Klar, dann poste halt kein Bild von deiner Teetasse. Poste deine Lyrik, Ausschnitte deiner Texte oder ähnliches. Kann ich machen, zieht aber wahrscheinlich nicht so, denn dann müsste man ja lesen. Und das dauert. Und die Zeit hat man auf Instagram nicht. Auf Instagram zieht kein Bild mit Text und kleiner Schriftart. Auf Instagram ziehen veganes Blaubeermüsli und Teetassen. So bekommt man Likes und Follower. Und man braucht Likes, man braucht Follower. Um die zu bekommen, muss man außerdem andere verfolgen, muss brav jede Teetasse und jedes Buch mögen, dass sie teilen. Kostet mir ja auch nichts, also immer rauf aufs Herz. Wenn ich ganz ambitioniert bin, schreib ich noch „nices pic“ und diverse Emoticons. Diese sind bei weitem wichtiger als korrekte Schreibweise und Grammatik. Am Ende hat man seine paar tausend Follower und ist glücklich. Dass das letztlich auch nur ein Blase ist, darf man nicht sagen.

Mir scheint Instagram für Autoren, gerade Jungautoren, eine Farce zu sein. Es ist ein Schauspiel. Hier stellen sich Menschen für etwas dar, suchen nach Lorbeeren für etwas, dass sie noch nicht mal beendet haben. War bei mir ja genauso (und genau genommen mache ich das mit diesem Blog ja immernoch).
Ich zweifle auch stark daran, dass dieses hin- und hergemöge tatsächlich die Menschen mit Sinn erfüllt. Mir hat es nichts gebracht, anderer Leute Teetassen zu sehen und „massenweise“ Likes für meine Inhaltsarmut zu bekommen. Zwar schreien alle immer wieder „Content“ und davon, wie sie diesen „generieren“, doch letztlich ist es eine Blase von Büchern und Teetassen und einer riesen Menge Heuchelei.

Ich bin kritisch, ich weiß. Ich stelle das hier alles auch einseitig dar, ich weiß. Um so mehr bin ich darum auf euch angewiesen und daran interessiert, wie ihr darüber denkt! Wie nutzt ihr diese Plattform? Was für positive Aspekte könnt ihr daraus ziehen? Stimmt mir gerne zu – aber seid auch gern ganz anderer Meinung und diskutiert mit mir. Ich bin wirklich gespannt, wie ihr zu dem Ganzen steht!

Zu guter Letzt bleibt mir nur zu sagen, dass ich Instagram irgendwann gelöscht habe. Doch ich kann nicht ausschließen, wieder zurück zu kehren, wenn ich vielleicht tatsächlich für eine Veröffentlichung werben muss. Dann wird es aber mit Sicherheit keine Teetassen geben, sondern Text.

Bis dahin genießt ihr aber hoffentlich das reale Leben und lasst ruhig mal eine Weile die Finger von eurem Feed. Ich denke, wir sollten uns alle ein bisschen weniger füttern lassen und uns mehr mit dem da draußen nähren.

Liebe Grüße
von eurer Luna ❤

 

Photo by Ben Kolde on Unsplash

7 Antworten auf „Insta-Autoren: Eine Abrechnung

  1. Es ist mit Instagram wie mit allem möglichen (Rotwein, Kung-Fu, Haustieren, Verbrennungsmotoren, Dynamit, Nasenspray, Kommentaren, usw.), es ist was man draus macht und…es macht mit einem nur was man erlaubt davon aus sich machen zu lassen…finde ich. Man wird nicht automatisch zum Zombie, man muss schon eine kleine Zombieveranlagung haben. 😉 Es hat all diese negativen Seiten die Du so ausführlich herausgestellt hast, aber auch einige positive. Die Reichweite und die Entdeckbarkeit des geposteten Inhalts zum Beispiel (sogar papierlos!). Wer schreibt mag gelesen, wer fotografiert gesehen werden…so ist es nunmal. Ich hätte schon gern so einen staubigen Schaukasten im Bahnhof für meine Fotos, aber dort erreiche ich nur wen der Zug fährt, Zeit auf dem Weg zum Zug hat und genau auf diesem Bahnhof ist…geht auch, aber ist irgendwie mager…geht auf Instagram besser. 🙂 LG

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    1. Oh, na hallo! 😉
      Mein bester Freund versucht mir das auch immer wieder zu erklären und ganz logisch nachgedacht verstehe ich da ja auch und sehe es auch so. Nichts kann pauschal schlecht sein, man kann alles intelligent und für sich gewinnbringend nutzen. Doch ich glaube, so, wie die Plattform funktioniert, muss man dafür schon sehr stark sein. Ich denke, älteren Kallibern fällt das noch leichter, da sie eben auch ganz anders aufgewachsen sind und dem virtuellen von Haus aus nicht soo viel Bedeutung geben. Aber Jüngere bzw allgemein weniger Gefestigte können sich da kaum wehren. Die Mechanismen, wie Instagram und auch unser Hirn funktioniert sind zu gut aufeinander abgestimmt. Und es ist eben eine Mainstreammaschine, auch das lässt mich Abstand halten.
      Aber natürlich, es gibt unglaublich viele Künstler, die dadurch auch ihren Lebensunterhalt verdienen können. Deren Inhalte fehlen mir auch tatsächlich. Clever gemacht und vielleicht auch mit beharrlichem Aussieben er Follower kann man sich dann durchaus eine gute Reichweite erarbeiten. (Obwohl ich unsere Görlitzer Bahnhofskästen schon als Tor in die Welt bezeichnen würde)
      Aber so, wie ich es auf Autoren-Profilen bisher erlebt habe, konnte es mich nicht so ganz überzeugen… Letztendlich muss es aber auch nicht mich überzeugen, sondern es kommt darauf an, wie viele Bücher dadurch verkauft werden.
      Liebe Grüße zurück!

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      1. Ob es auf den Verkauf an kommt oder nicht, das weiß ich nicht, aber eine schöne und dazu passende Anglerweisheit hab ich dazu aber noch parat: „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.“. 🙂

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  2. Instagram? Instagram! Mir fiel als erstes auf, wie endgültig und auswegslos Deine Übernahme der Vorstellung ist, um sich selbst zu promoten – muss man bei Instagram sein. Wer sagt das eigentlich? Stimmt das eigentlich? Das Argument, eine Milliarde Menschen benutzen Instragram, ist daher hinkend, weil sicher nicht genau 1 Milliarde User neue deutsche Bücher kaufen würden. Du hast Bedenken gegen, fühlst Dich genervt von Instagram? Ich auch! Und ich brauche es nicht! (Ich hatte mal einen Account, der jetzt vor sich hin schimmelt …) Ganz Recht hast Duz außerdem noch mit einem: die Sache Social Media. Erst war es hipp und cool bei Facebook zu sein – aber als es nicht exklusiv genug war, kam Instagram dran – und ich frage allen Ernstes, was kommt als nächstes? Aber besser – wird es auf keinen Fall! Pflege Deinen Widerstand!!

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    1. Instagram! Jaja😅
      Gerade auch für öffentliche Personen ist es beinahe Pflicht. Und ist irgendein schlimmes oder bedeutendes Ereignis geschehen, werden Twitter und Instagram Zitate der Politiker und Künstler zitiert. Finde ich auch immer seltsam.
      Es ist definitiv eine Möglichkeit, sich zu promoten – ob es mal meine sein wird, werde ich sehen. Vielleicht in letzter Verzweiflung? Zumindest macht es wohl keinen Sinn, etwas umzusetzen, das man nicht vertreten kann.

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  3. Hallo Luna. Ich kann dich durchaus verstehen. Auch ich stehe als Autor und selbstverständlich noch mehr als Individuum den sozialen Netzwerken skeptisch bis ablehnend gegenüber. Trotzdem – und jetzt kommt ein großes ABER: Da ich in meinem gesegneten Alter keine Entwicklungsstörungen mehr zu befürchten habe und mich niemand mobben kann, habe ich auf die Meinung von Autorenkollegen gehört, die mir versichert haben, ein Autor benötige Instagram. Ich war skeptisch und eröffnete nach langem Zögern dort ein Konto. Was soll ich sagen? Ich habe die vielen Möchtegerne, Selbstdarsteller und Angeber ignoriert und fleißig geblockt. Und siehe da: Es finden sich auf Instagram Gleichgesinnte UND Leser. Ich bin dort mit einigen Kollegen im Gespräch, konnte viele Bücher verkaufen und Kritiken bekommen. (Viel, viel mehr, als ich durch 5 Jahre Blog erreicht habe) Man muss nur ein wenig Geduld haben und sich eingewöhnen, dann bietet Instagram Chancen. LG. Nikolaus
    PS Ich bin heute in Potsdam gewesen, aber ich habe dich nicht gesehen. 😄

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    1. Hallo Nikolaus!
      Meine persönliche Abneigung gegenüber Instagram wird sehr wahrscheinlich bestehen bleiben. Diese von dir beschriebene Aussieben macht sehr wahrscheinlich großen Sinn. Und mir offen gestanden auch etwas Mut. Wer weiß, vielleicht werde ich mich auch irgendwann dazu getrieben sehen. Vielleicht ist instagram bis dahin aber auch schon wieder out😅
      Auf jeden Fall freut mich enorm, dass du auf diesem Weg interessierte Leserschaft gefunden hast!
      Liebe Grüße 🙂

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