Leseempfehlung: Kjersti A. Skomsvold – Meine Gedanken…

…stehen unter einem Baum und sehen in die Krone

Das ist der volle Titel (der mir für die Überschrift doch etwas zu lang war) dieses ganz besonderen und absolut empfehlenswerten Romans. Worum’s geht? Ich verrat’s euch 😉

„Kann man Mutter sein und doch an sich selbst festhalten?“

Mit diesem Satz beginnt der Klappentext des Romans von Skomsvold. Ich gebe zu, das hat schon vollkommen gereicht, um mich zu fesseln.

„Eine Schriftstellerin erzählt ihrer neugeborenen Tochter, wie sie es wagte, ein Kind zu bekommen und damit das bisher wichtigste in ihrem Leben, das Schreiben, aufs Spiel zu setzen“

Das war dann der Satz, der mich zum Kauf des Buches bewegte.

Es ist ein sehr eigenwilliger, beinahe lyrischer Roman. Einer, den ich gerne immer wieder zum ersten Mal lesen würde.
Die Protagonistin ist Autorin und wendet sich in diesem episodenhaften Roman an ihre Tochter, monologisiert aber auch und scheint eine Art Lebensbeichte abzulegen. Auf sensible Art bringt sie all ihre Sorgen im Zusammenhang mit der Mutterschaft und die Gedanken, die diese in ihr ausgelöst hat, zum Ausdruck. Skomsvold findet einzigartige Bilder für die Ängste einer Frau, der bewusst wird, wie viel sich nun für sie ändert, die in ihre Aufgabe „Mutter“ hineinwachsen muss.

„Ich bin nicht gut darin, auf Sachen aufzupassen, all meine schönen Sachen habe ich kaputt gemacht. Mit meinem blauen Mantel bin ich an eine frisch gestrichene Wand gekommen, die alte Blumenvase, die Edel mir schenkte, ist in tausend Scherben zerbrochen, alles, was ich habe, geht vor meinen Augen zu Bruch. Und ich bin selbst bin ein Milchglas, das zu Boden fällt; ein Kind auszutragen bedeutet zerfallen, das Skelett rasselt auseinander, das Becken löst sich, der Körper zerreißt, es bedeutet, daran erinnert zu werden, dass ich eines Tages zerkrümle und zu Erde zerfalle, es bedeutet diesen Vorgang zu beschleunigen.“

Über die poetischen Beschreibungen ihres neuen Alltags geht sie hinaus und blickt zuück auf ihr Leben. Ihre Familie, ihre Kindheit, vergangene Lieben, Traumata, Ängste und wie sie mit dem heutigen Vater ihrer Kinder, ihrem Mann, zusammen kam.

Das Buch zerriss mich schier vor sprachlicher und inhaltlicher Schönheit. Es ist so zart, so melancholisch wie ein Kirschbaum, der seine Blüten mit der Frühlingsbrise ziehen lässt.
Stück um Stück entblättert die Autorin die Geschichte ihrer Protagonistin (wie viel von dem Text autobiografisch ist, kann ich leider nicht sagen), Erinnerung um Erinnerung eines nicht so leichten Lebens einer Künstlerin breiten sich seufzend aus.
Ihr jetziges Leben ist wunderschön und doch sind da die vielen Ängste einer empfindsamen Seele, die ich nur zu gut nachvollziehen kann. Ich habe selten ein Buch gelesen, das so ehrlich beschreibt, wie eng das Schöne und Schlechte im Leben miteinander verwoben ist, sodass man es kaum zu trennen vermag. Mir kamen an traurigen Stellen die Tränen, weil sie so schön waren, und an schönen Stellen, weil auch da das Traurige war.

Ich würde dieses Buch wohl niemandem empfehlen, der sich selbst als pragmatisch bezeichnet. Man sollte poetische, bildhafte Sprache lieben und eine faszination für Lebensbetrachtungen – denn genau dies ist dieser Roman.

Für mich war „Meine Gedanken stehen unter einem Baum und sehen in die Krone“ definitiv das absolute Highlight des letzten Jahres.

Klingt es auch nach einem Buch für euch?

Liebe Grüße
von der Luna ❤

4 Antworten auf „Leseempfehlung: Kjersti A. Skomsvold – Meine Gedanken…

  1. „Kann man Mutter sein und doch an sich selbst festhalten?“ Ich verstehe die Fragestellung nicht. Wenn ich Mutter bin, dann bin ich es doch. Da muss ich doch nicht dran festhalten. Vielleicht ist ja das gemeint, was man sonst noch ist, im Leben. Nun ja, wir sind das was wir sind durch das was wir tun. – Man muss sich nur entschließen und handeln. Auch als Mutter kann ich mir ein Heft hinlegen und meine Gedanken notieren. Dann bin ich auch Schriftstellerin.

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    1. Ich kann verstehen, dass diese Frage für Einige etwas seltsam erscheint. Beinahe wie „die Suche nach dem Ich“. Du bist doch du, was musst du denn da suchen? ^^
      Doch ein bisschen ist die Frage, ob man trotz einer Mutterschaft noch an sich selbst festhalten kann, eine etwas andere. Zumindest habe ich enorme Angst davor, wie sich mein Leben verändern würde, wenn ich Kinder habe. So geht es den meisten meiner Freund:innen… Kinder bedeuten denke ich schon eine Umstellung. Ich kenne leider einige Menschen, die sich mehr oder weniger für ihre Kinder aufgegeben haben – eine Horrorvorstellung für mich. Die Frage lautet also eigentlich: Ist trotz des Kindes auch noch Platz für meine Bedürfnisse in meinem Leben.
      Vielleicht bauscht man das in Gedanken auch zu sehr auf – doch so ist das wohl mit Ängsten.
      Du scheinst da andere Erfahrungen gemacht zu haben?
      Liebe Grüße!

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      1. Dieses „Kinder haben“, das ist ja letztlich auch nur eine Episode im Leben. Wenn sie 12 sind, gehen sie im Supermarkt 2 Meter hinter dir, weil Du „peinlich“ bist. Ab da ist die Aufgabe: Loslassen. Die eigenen Interessen wieder aufnehmen. Und es stimmt: Viele schaffen das nicht und nerven die Kinder mit ihrem „Festhalten“. Aber das muss nicht sein.

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