Erzählung: Ein kleiner Ausschnitt

Die Überarbeitung schreitet voran, ich bin zufrieden und würde gern eine kleine Szene mit euch teilen. Ihr erfahrt hier an sich nichts über die Handlung, dennoch ist die gesamte Stimmung und das Erzählte sehr repräsentativ.
Zur kurzen Einordnung: Antonia begleitet ihre große Schwester Maleen auf eine Forschungsreise nach Norwegen. Die umwerfende Natur und die Einsamkeit haben eine enorme Wirkung auf Antonia und sie beginnt, vergrabene Wunden aufzuarbeiten und einiges infrage zu stellen. Doch genug Palaver 😉


Jeder Morgen ist eine Einmaligkeit, ein Gefüge aus Licht und Luft. Heute geht der Wind besonders zärtlich und liebkosend, lässt meine Haarsträhnen vor meinem Gesicht tanzen, während ich schreibe. Es ist noch frisch. Die Nacht hat sich die Wärme des Vortages geholt und die Sonne steht noch nicht hoch genug. Ich sitze allein an meinem Bächlein, Maleen hat noch eine Konferenz, und schau auf die Zipfel der Berge, die ich selbst von hier aus sehen kann. Sie sind in einen goldigen Ton getaucht, stehen einfach da und es ist, als ließe ihre Präsenz die Luft vibrieren. Als würden sie unaufhörlich einen hochfrequenten Schall aussenden, der hypnotisiert. Ich studiere täglich jede ihrer Kanten, sodass mir ihr Anblick vollkommen vertraut ist und ich doch jedes Mal glaube, sie zum ersten Mal zu sehen. Mein Verstand ist nicht dafür geschaffen, etwas derart großes anzunehmen. Etwas, das weder menschengemacht noch -beeinflusst ist, sondern bereits seit Jahrtausenden wird und steht und existiert, und auch dann noch werden, stehen und existieren wird, wenn ich mich in Millionen Moleküle zerlege und zur Pflanze werde. Ich möchte Gras werden, denn es scheint mir so verständig. Dieser Bach hier weiß mehr, als ich je begreifen kann. Ich bin bestraft mit einem Geist, der Fragen in Wort und Logik stellt und somit die zugehörigen Antworten nur gemäß gleicher Logik und Worte verstehen kann. Schau ich nun aber auf diese Berge, verstehe ich, dass Antworten nur stumm sein können.

4 Antworten auf „Erzählung: Ein kleiner Ausschnitt

    1. Danke!
      Tatsächlich meinte ich den Zipfel, weil ich eben genau das so amüsant fand. Aber vllt kommt es auch gar nicht so gut, wie ich dachte 😉 Werde es bei der nächsten… und übernächsten… und darauffolgenden Überarbeitung bedenken 😉

      Gefällt 1 Person

  1. Ein spannendes Stimmungsbild mit orginellen Kompositionen. Ich mag die Nacht, die „sich die Wärme des Vortags geholt“ hat, oder den Bach, der mehr weiss, „als ich je begreifen kann“.
    Aber ich habe etwas Mühe, die Grundstimmung zu erfassen. Die Erfahrung der Berge zum Beispiel, die eine hochfrequenten Schall aussenden, der hypnotisiert, kann ich nur schwer nachvollziehen. Das Bild weckt in mir spontan eher negative Assoziationen, die aber nicht so recht zu der Stimmung zu passen scheinen. Aber vielleicht ist es ja gerade diese innere Spannung, die Du generieren möchtest. Um das zu beurteilen, fehlt mir aber der Kontext.

    Weiterhin viel Freude beim Schreiben und Überarbeiten, und herzlichen Dank für Deinen Besuch auf meiner Geschichten-Seite! Ich wünsche Dir ein kreatives Wochenende.

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