Empfehlung: Tarjei Vesaas – Die Vögel

Die Buchhandlung des Vertrauens. Das klingt so schön. Noch schöner ist, dass ich eine solche habe. Wer irgendwann mal zu einem Städtetrip in Potsdam ist, dem empfehle ich den Literaturladen Wist auf der Brandenburger Straße. Den gibt es dort schon ewig und man findet in diesem kleinen Laden alles, was das Belletristikherz höher schlagen lässt. Krimis, Sci-Fi und Fantasy sind eher rar vertreten, insofern kommt diese Leserschaft nicht so auf ihre Kosten, dafür hat Herr Wist da eine vorzügliche Auswahl an Klassikern, moderner Literatur, Comics und Kinderbüchern zusammengestellt. Wem diese Auswahl zusagt, der muss da rein und dem rate ich, eines der Bücher aus der Auslage zu greifen, welches am meisten Anspricht, denn ich wurde noch nie enttäuscht. Die Bücher sind meistens einfach anders und sehr gut.

So erging es mir auch mit diesem Kauf. Tarjei Vesaas (1897-1970) sagte mir absolut gar nichts und nach Rescherschen war er ein sehr viel gelesener norwegischer Autor, der insbesondere im Ausland etwas in vergessenheit geraten ist. Der Guggolz Verlag witterte allerdings, dass der Stoff dieses Buches absolut in den Zeitgeist passt und verlegte es in einer wunderschönen Hardcover Ausgabe neu. Ich gebe es zu, das Design sprach mich sofort an. Und der Text auf der Rückseite sowieso, doch seht selbst…

Außenseiter, innere Welt, Botschaften aus der Natur, aus der Bahn geratenes Leben, hypnotische Poesie und Norwegen. Ganz ehrlich? Da kann es keinen Haken geben. Und so ist es auch!

Inhalt

Der Protagonist Mattis lebt Mitte oder Ende des letzten Jahrhunderts zusammen mit seiner Schwester Hege in einem Haus am Rande einer norwegischen Provinz zwischen Wald und See.
Mattis ist anders. Er kann nicht arbeiten. Er versucht es, nicht oft, doch immer wieder, bei den Bauern in seinem Dorf als Tagelöhner. Die meisten winken ab. Denn Mattis ist anders.
Er ist ein Mann in den besten Jahren und garade auf dem Dorf hat ein Mann ein richtiger Mann zu sein, der anpackt und Dinge versteht und immer alles richtig macht. Mattis macht oft Dinge falsch. Er versteht sie anders, als die anderen. Er nimmt die Welt anders wahr, als die anderen. Man aknn ihm eine kindliche Sicht auf die Welt unterstellen, doch es ist mehr eine Mattis-Sicht. Im Dorf nennen sie ihn den Dussel. Die Erwachsenen, wie auch die Kinder. Natürlich nicht in sein Gesucht, doch Mattis weiß es, denn er ist nicht doof.
Er ist ein wahnsinnig empfindsamer Mensch, eine Seele, die so gar nicht in diese effektive Welt passen möchte. In das strebsam realistische. In die Welt, in der die Menschen sachlich auf die Dinge Blicken.

Mattis ist anders, denn er sieht Bedeutung. Er wählt seine Worte mit Bedacht, denn sie könnten Wirklichkeit werden. „Blitz“ zu sagen kann unfassbar gefährlich sein. Seine Schwester ist da ganz anders, sie ist rational. Sie strickt und strickt Jacken und Pullover, damit die zwei ein kleines Einkommen haben. Mattis bewundert sie. So, wie er die Welt bewundert. Ein Träumer, der versunken in seine Gedanken und Wahrnehmung ist.

Eines Tages fliegt eine Schnepfe über sein Haus und für ihn ist nun alles verwandelt. Er lebt nun in einem Haus, über dem eine Schnepfe ihren Balzflug fliegt. Natürlich sieht es keiner so, wie er, doch für ihn hat sich alles geändert.

Es ändert sich noch viel mehr für ihn, als diese Schnepfe plötzlich bedroht ist und kurze Zeit später ein Holzfäller auftaucht, der das Urbild eines Mannes ist und der plötlich Teil von Mattis Leben wird.

Mattis versucht, seine Welt zu verstehen, die Anforderungen, die an ihn gestellt werden, zu verstehen und zu erfüllen, obwohl er das einfach nicht kann. Verzweifelt versucht er, seinen Platz zu finden.

Warum dieses Buch lesen?

Weil es wunderbar geschrieben ist! Eine zarte und schlichte Poesie. Der Erzähler schildert feinfühlig die Gedankenwelt von Mattis, die der unseren so fremd ist, bis wir selbst Teil dieser Welt werden und sie um vieles plausibler erscheint als das, wie wir gemeinhin die Welt verstehen.
Mattis nimmt die Welt anders wahr und es ist eine Bereicherung, diese Wahrnehmung zu lesen.

Zudem fand ich es einfach faszinierend, wie Vesaas beschrieb, wie Mattis seine Mitmenschen wahrnahm und der Lesende sogleich merkte, dass Mattis sein Gegenüber nicht wirklich lesen konnte. Die Aussagen und Handlungen der anderen, die Vesaas beschreibt, stimmen nicht überein mit dem Bild, das Mattis sich daraus erschafft. Schriftstellerisch finde ich das grandios!

Vor allem hat dieses Buch mir gezeigt, wie hart unsere Welt ist. Es ist egal, ob wir die Realität des letzten Jahrhunderts auf dem Land mit der Realität heutiger Städte vergleichen: Ein Mattis wird nirgendwo leben können. Unsere Gesellschaft hat keine Zeit, keinen Platz für einen träumenden Mattis, der nicht effizient und gewinnbringend ist. Diese Erkenntnis ist nicht neu, doch dieser Roman bringt sie auf eine Art rüber, dass es mir das Herz zusammen gezogen hat.

Also, ab in die Buchhandlung eures Vertrauens! Ich kann es nur empfehlen. Es ist ein einzigartiges Leseerlebnis!

2 Antworten auf „Empfehlung: Tarjei Vesaas – Die Vögel

  1. Das scheint ein wirklich schönes Buch zu sein. Ich glaube, dass ich es gern lesen würde. Nur habe ich von meinem Vater jetzt soooo viele Bücher und habe schon letztens doch wieder zwei neue gekauft. Ich weiß jetzt schon, dass mein Leben nicht mehr eichen wird, das alles noch zu lesen … 😥

    Ich finde es ja super, dass Du etwas vom Guggolz-Verlag erworben hast und dass Dein Buchhändler so ein waches und sensibles Auge hat. – Ich bin auf den Verlag vor Jahren aufmerksam geworden, da war der junge Herr Guggolz erstmals auf einer Buchmesse mit genau zwei (!) Büchern, den ersten beiden, die er verlegt hat, vertreten.

    Ich finde die Idee, die der Verleger seinem Projekt zugrunde gelegt hat, gute „vergessene“ Literatur neu aufzulegen, ganz großartig. Leider ist es ja ein recht riskantes Unterfangen, denn der Reichste wird Herr Guggolz damit nicht werden. Um so mehr mag ich ihn unterstützen. Und so habe ich auch schon zwei von ihm verlegte Bücher erworben (direkt beim Verlag) – Eines möchte ich Dir direkt empfehlen, mein liebes Lunchen:

    Es ist der Roman „Professor Hieronimus“ von Amalie Skram, auch einer norwegischen Autorin, den ich mit großer Begeisterung und Anteilnahme gelesen habe. Ich verlinke Dir mal Informationen dazu:

    http://www.guggolz-verlag.de/professor-hieronimus

    Liebste Grüße an Dich❣ 💚🍂

    Gefällt mir

    1. Ich habe mich ehr über deinen lieben und ausführlichen Kommentar gefreut! Ich bin gerade in einem bisher nicht all zu erholsamen Urlaub, darum gibt es nur eine kurze Antwort, verzeih!
      Vielen Dank für deine Anmerkungen zum Verlag. Das wusste ich nicht und freut mich nun natürlich um so mehr, einen so besonderen Verlag unterstützt zu haben. Werde definitiv weiter rein schauen.

      Liebste liebste Grüße!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s