Wahrheit und alternative Realitäten

Seid gegrüßt!

Ich würde mich als eine ehrliche Person bezeichnen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal wissentlich gelogen habe. Selbst, wenn ich manchmal gerne wöllte, aber ich kann anderen Leuten gegenüber nicht unaufrichtig sein. Manchmal habe ich in meinem Kopf schon die Sätze mit den alternativen Realitäten zurechtgelegt, doch sie kommen einfach nicht hervor. Die Ehrlichkeit platzt heraus.

Nun kam es vor ein paar Tagen zu einer Situation, in der ich einigen Freunden eine lustige Anekdote aus meiner Schulzeit erzählte, zu der wir alle herzlich lachten. Als das Gespräch zum bereits zum nächsten Erzähler übergegangen war, kam auf einmal ein Zweifel in mir auf. Moment, war das überhaupt so? Gab es da nicht ein ganz anderes Ende, ein viel langweiligeres Ende? Und war nicht diese Version, die ich soeben erzählt hatte, die Version, die ich mir damals als den viel witzigeren Verlauf vorgestellt hatte?

Dass Erinnerungen trügerisch sind, ist nichts neues. Jeder kennt es, dass sich vergangene Ereignisse mit Erzählungen, Träumen und Vorstellungen vermischen. Unbewusst wird unpassendes weggelassen und alles so geschliffen, bis es eine gut erzählbare Geschichte gibt. Ich finde es beängstigend, wie mächtig unser Bewusstsein ist und mitunter neue Vergangenheiten erschafft, doch ich finde es auch durchaus reizvoll. Denn, wie gesagt, mit dem realen Geschehnis hätte ich keinen Lacher ergattern können, so viel ist klar.

Ich würde das nun nicht als eine Lüge bezeichnen. Das ist in diesem Punkt nämlich gar nicht das, worauf ich hinaus will. Faszinierender fand ich meinen Gedanken, der folgte: Es ist egal, dass es nicht so ausgegangen ist, denn es hätte durchaus so ausgehen können, darum ist es berechtigt und wahr.

Ich fang nochmal von einer anderen Stelle aus an, vielleicht macht euch das, worauf ich hinaus will, verständlicher.

Vor einer Weile gab es einen riesen Journalismus Skandal. Es stellte sich heraus, dass ein sehr bekannter Journalist (dessen Name mir entfallen ist), der viele rennomierte Preise gewonnen hatte, einige seiner größten Geschichten frei erfunden hatte. Es wurden einige Beispiele genannt, mir in Erinnerung blieb eine Reportage, in denen er die Fluchtrouten und schweren Schicksale mehrerer Menschen nachgezeichnet hat. Die gesamte Öffentlichkeit war natürlich entrüstet und seine Kollegen schimpften aufs Äußerste, dass sowas gegen den Berufsethos geht.

Ich konnte diesen Aufschrei, der durch die Medien ging, durchaus nachempfinden. Ich habe auch einen hohen Anspruch an journalistische Texte und nach meinem empfinden gibt es leider viel zu viele, die selbst in den großen Medienhäusern ihr Handwerk nicht verstehen. Oftmals ist Berichterstattung einseitig, Sensationsheischend, nicht in die Tiefe gehend, falsche Schlüsse ziehend, manipulierend und so weiter. Aber darum soll es in diesem Text ja gar nicht gehen. Ich will nur sagen, dass ich journalistische Texte durchaus sehr kritisch lese. Und natürlich ist es ein enormer Vertrauensbruch, wenn man ein Magazin oder eine Zeitschrift liest und der Reporter vorgibt, die Wirklichkeit zu beschreiben, stattdessen allerdings nur seine Fantasie bemüht hat.

Da gab es aber noch ein anderes Empfinden in mir. Denn es war ja nicht so, dass besagter Journalist sich alles aus den Fingern gesogen hätte. Bei der Reportage über die Geflüchteten hatte er sich intensiv mit der Materie befasst, war auf Reisen, hatte viele Betroffene Interviewt. Das, was er dann geschrieben hatte war sozusagen eine Zusammenfassung dieser Eindrücke. Es ist weiterhin verwerflich, dass er genau das nicht gekennzeichnet hat, ohne Frage. Andererseits war wieder in meinem Kopf diese Stimme: All das hätte genau so stattfinden können. Sehr wahrscheinlich gibt es sogar Menschen, auf die genau das zutrifft. Ist es nicht darum genauso wahr?

Ich bin in den letzten Tagen sehr inspiriert, es scheint sogar, als hätte ich meine Schreibblockade überwunden. Ich habe mich meiner Geschichte wieder angenähert, habe das Schreiben wieder begonnen und zugleich bin ich auch in meinem Alltag viel bei der Geschichte und weitere Ideen für Romane sprudeln aus mir hervor. In solchen Phasen neige ich dazu, dass Wahrheit und Fiktion für mich zusehends verschmilzt. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich als Autorin in Geschichten ebenso eine Realität sehe wie in dem, was ich erlebe, oder ob es umgekehrt ist und ich durch mein seltsames Realitätsempfinden überhaupt erst Autorin werden kann.

Jeder Mensch hat seine eigene Realität. Jeder hat seine eigene Wahrheit. Wir versuchen, durch Winssenschaft und sogenannte Objektivität all diese persönlichen Wirklichkeiten auszugleichen, doch ich glaube nicht, dass das möglich ist. Ich bin überzeugt, dass es keine Wahrheit gibt. Dass unsere Realität eine Illusion ist. Und während es mir zwar nicht möglich ist, einen Menschen tatsächlich anzulügen, so glaube ich auch auf der anderen Seite, dass eine Lüge genau so wahr ist. Kann denn nicht etwas allein dadurch, dass es gedacht und behauptet wird wahr werden?

Ich werde diesen Gedanken weiter ergründen, denn ihr trifft micht sehr tief. Er hat die Macht, meine Welt zu dekonstrieren. Und er ist Quelle vieler meiner Ideen für Geschichten.

Könnt ihr mich nachvollziehen? Empfindet ihr vielleicht ähnlich? Wie wahr ist Fiktion für euch? Und habt ihr auch etwas von dem Journalisten gehört und wie denkt ihr darüber?

Ich würde mich über eure Denkanstöße freuen!

Liebe Grüße
von euer Luna ❤

3 Antworten auf „Wahrheit und alternative Realitäten

  1. Ich kann deine Gedanken sehr gut nachvollziehen, liebes Lunchen, vor allem das, was du über die Reflexion eigener Vergangenheit, etwa im Rahmen der Wiedergabe von Erinnerungen geschrieben hast. Ich denke, dass es uns überhaupt nicht möglich ist, dieselbe Geschichte jedes Mal haargenau so, wie sie sich tatsächlich abgespielt hat, zu erzählen. – Deshalb ist jede Geschichte, auch die, die als Historie in den Geschichtsbüchern steht, immer ein Stück weit subjektiv. Und unter anderem deshalb ist es auch so, dass es keine absolute Wahrheit gibt.

    Weil das so ist, bleibt für jede und jeden, nicht zuletzt auch für spätere Generationen immer wieder die Möglichkeit und Notwendigkeit zu hinterfragen, sich nicht abzufinden, sich selbst Gedanken und ein eigenes Bild zu machen.

    Wenn Autorinnen und Autoren von Romanen, Erzählungen, Geschichten etc. insoweit etwas freier sind, etwa bei der Reflexion von Erinnerungen oder im Aufzeigen eines möglichen alternativen Weges (oder auch mehrerer), so finde ich das meist sympathisch, weil es etwas Inspirierendes hat für mich als Leser, als Rezipienten.

    Bei Journalistinnen und Journalisten lege ich da freilich einen strengeren Maßstab an – da möchte ich so objektiv, so weit als möglich der wahrgenommenen Realität entsprechend, ins Bild gesetzt werden, wissend und einkalkulierend, dass jede und jeder die Realität wenigstens ein bisschen differenziert wahrnimmt. Auch das ist Realität – und deshalb ist auch Realität immer wenigstens ein bisschen relativ.

    Dass eine Lüge wahr sein kann, mit dem Gedanken kann ich mich nicht anfreunden, weil ich Lüge ganz generell erst einmal als eine bewusst falsche, als auf Täuschung angelegte Aussage definiere. Das schließt für mich allerdings nicht aus, dass allein Gedachtes nicht für sich einen großen Wahrheitsgehalt haben kann.

    Hier kommt es aber, wie überhaupt vor allem bei der Unterscheidung unterschiedlicher Wahrheiten und Lügen (denn sowohl Wahrheiten als auch Lügen können Schaden bewirken oder aber auch verringern) immer auf den konkreten Kontext an.

    Das Thema Wahrheit und Lüge bzw. deren Verhältnis zueinander gehört für mich zu den spannendsten philosophischen Themen überhaupt. Ich habe mich damit zuletzt seit langem mal wieder ein bisschen näher beschäftigen können und müssen und habe dabei bemerkt, was für ein weites Feld das ist und wie neugierig, staunend und bisweilen immer noch recht tollpatschig und unsicher ich mich auf diesem Terrain bewege.

    Meine Gedanken hier sind insoweit allenfalls ein paar „Schnipsel“, aber vielleicht sind sie dir ja nicht ganz unwillkommen und feuern dein eigenes Gedankenkarussell weiter an.

    Das und dir einen hoffentlich schönen Sonntag wünschend, bleibe ich mit ganz, ganz lieben Grüßen – Dein Sternflüsterer. 💚🤗

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  2. Berechtigte Gedanken im „Zeitalter der alternativen Fakten“!
    Mein Studium an der Uni begann mit der folgendem theoretischen Ansatz im Fach Publizistik:
    In einem sozialen System, einer Gesellschaft, gilt das als Realität, auf das man sich übereinstimmend geeinigt hat. So ist die Farbe Grün deshalb grün und nicht blau oder heißt „Vogel“, weil sich die Gesellschaft auf die Bezeichnung „Grün“ festgelegt hat.
    Das Gleiche gälte für Handlungen, Bewertungen und Inhalten wie Wahrheiten. Es sind Konstrukte.
    Es scheint, als findet im Moment eine Umbewertung statt. Aus Grün wird Lila usw. Aus der Vernunft sich gegen Corona impfen zu lassen wird eine Verschwörung.
    Innerhalb der früher homogenen Gesellschaft entstehen einzelne Zellen, die ihre eigenen Realitäten leben und aufrecht erhalten können.

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    1. Ich gebe dir definitif recht, dass es gerade sehr extrem ist, was alternative Fakten angeht… Und dass es seit dem Internet legitim zu sein scheint, dass man jeden Gedanken, den man hat, für batre Münze. Aber so ganz aus dem nichts kann es ja nicht kommen. Auf irgendeine Weise muss es doch schon immer da gewesen sein, oder?
      Eine Zeit kennt keine andere. Wie sehr wünschte ich mir, ein „früher“ zu kennen, zu sehen, wie es war, um einzuschätzen, ob und was sich verändert hat.

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