10. Frage: Welches Protagonist:innen-Geschlecht?

Seid gegrüßt!

Huch, da ist mir der letzte Dienstag ganz durch die Finger gerutscht! Na sowas. Das passiert mir doch sonst nie 😉

Dafür kommen wir aber heute zu der 10. Frage! Yeah! Mir macht dieses Fragen-Format zur Zeit eine große Freude, denn sie bringt eine schöne Regelmäßigkeit in mein Schreiben und ich kann dabei Themen ansprechen, über die ich sonst zu wenig zu sagen gehabt hätte.* Ich freue mich immer riesig, wenn ich eure Antworten lesen kann und hoffe vielleicht auch ein bisschen, dass ihr schon im Vorfeld etwas neugierig seid, was denn als nächstes kommen mag.

Fühlt euch also wieder herzlich dazu eingeladen, zu kommentieren und selbst Beiträge zu verfassen (Bild und Verlinkung nicht vergessen^^), stellt mir aber auch gern eure Fragen an Schreibende!

So viel wieder zum Vorspiel, jetzt geht es los 😉

Hast du eine bevorzugte geschlechterspezifische Perspektive beim Schreiben?

Okay, ich gebe zu, diese Frage klingt etwas sperrig. Doch der Inhalt ist verständlich, oder?

Auf die Idee kam ich, nachdem ich einen Beitrag der Lesehexe Sarah gelesen habe, in dem sie davon schreibt, dass sie ungern Geschichten aus weiblicher Perspektive liest. Ich war da direkt erstmal etwas perplex, denn für mich ist das eine völlig neue Welt. Wenn ich lese, ist mir vollkommen egal, welches Geschlecht der:die Protagonist:in hat. Allgemein sind mir Geschlechter nicht so wirklich wichtig, doch während in der Young Adult Szene die Protagonisten durchaus etwas diverser ausfallen dürfen, ist davon die etwas snobbige Belletristik weit entfernt. Ob ich meine Aufgabe darin sehe, dies zu ändern? Na aber logo!

Während mir beim Lesen also völlig egal ist, als was sich der:die Protagonist:in definiert, muss ich mir aber schon eingestehen, dass es beim Schreiben durchaus eine Rolle spielt.

Als Jugendliche las ich viele Klassiker. Insbesondere Hesse, Camus, Kafka, Sartre, Marquez, Dürrenmatt usw. Das sind nunmal Bücher aus einer Zeit, in der Frauen nicht unbedingt intellektuelle Bedeutung hatten. Ich möchte damit nicht sagen, dass diese Autoren sexistische Arschlöcher waren, die Frauen unterdrückt haben (Es kann sehr gut sein, doch woher soll ich das denn wissen?), aber sie wurden definitiv von einer Gesellschaft geprägt, in der Frauen im intellektuellen Diskurs keine große Bedeutung hatten. Das spiegelt sich auch in der Literatur wieder, denn in dieser Belletristik, die von der grausamen Gesellschaft und den Leiden des Einzelnen, ja seine existentiellen Qualen handelt, werden Frauen einfach ignoriert. Es scheint, als hätte man Frauen abgesprochen, dass sie Seelenleiden empfinden können, die nichts mit Liebe oder dergleichen zu tun hätten. Ein Protagonist (ich gendere hier absichtlich nicht), der an einem beinahe philosophischen Problem zugrunde geht, kann nur ein Mann sein. Eine Frau wäre dazu nicht in der Lage. Gewiss gibt es auch Ausnahmen hierzu, doch wenn ich ehrlich bin: in meinem Regal findet sich nicht eine. Ich weiß, das ist kein objektives Argument, darum bitte: Füllt meine Wissenslücke und nennt mir Klassiker, in denen eine Frau die Hauptperson ist und ihr Leid durch die Welt und nicht durch Liebe verursacht wird.

Mich hatte das Lesen dieser Geschichten natürlich geprägt und so geschah es, dass ich meine Geschichten, die allesamt natürlich vom Weltschmerz handelten, mit männlichen Protagonisten erdachte. Es wurde mir auch quasi anerzogen. Diese Perspektive ist vertraut, das Bild des existentiell leidenden Mannes hat sich pathetisch in meinen Kopf gebrannt, also wird es reproduziert. Ich glaube übrigens, dass dieser Mechanismus viele Autoren der Gegenwartsliteratur beeinflusst, denn in dem Bereich, den ich gerne lese, dominieren immernoch männliche Protagonisten.

Irgendwann erkannte ich, was da vor sich geht und seitdem versuche ich, diesen Mechanismus aufzubrechen. Doch es ist gar nicht so leicht. Schließlich sollte man eine Geschichte so schreiben, wie man sie fühlt und ich möchte nicht irgendwas konstruieren, um die Geschlechterverhältnisse der Literaturwelt auszugleichen. Schnell verliert es dadurch seine Echtheit. Andererseits ist die Alternative, dass man ohne zu hinterfragen alte Modelle einfach so reproduziert. Das möchte ich nicht, darum überprüfe ich immer sehr genau, inwiefern meine Geschichte irgendwelche Konstrukte reproduziert, die ich nicht reproduzieren möchte. Das heißt jetzt nicht, dass alle meine Protagonist:innen trans sind, in offenen Beziehungen leben oder was weiß ich. Ich bin mir nur meiner Vorbildfunktion bewusst. Denn Autor:innen gehen mit ihren Geschichten in die Köpfe der Menschen und hinterlassen dort unbemerkt Spuren.

Um nun wieder zur Beantwortung der Frage zurück zu kommen: Durch diesen beschriebenen Prozess, den ich durchlaufen habe, ist mir mittlerweile egal, aus welcher Sicht ich schreibe. Ich fühle mich in allen Perspektiven wohl, egal ob Mann, Frau oder alles dazwischen. Für mich macht das keinen Unterschied. Das heißt nicht, dass ich aus jeder Perspektive genau das gleiche schreiben würde. Das Geschlecht ändert enorm die Geschichte, aber nichtmal unbedingt, weil ich glaube, dass Männer alle so und so sind und Frauen so und so, sondern weil jede Geschlechtsidentität eine bestimmte Rolle in der Gesellschaft bedeutet. Und so, wie dich die Gesellschaft sieht, geht sie mit dir um und beeinflusst dich.

Und was ist mit euch?

Das war nun ein etwas längerer Text mit einem Inhalt, der vielleicht für manche von euch polarisierend gelesen werden kann. Wenn ihr also dazu irgendwelche Gedanken habt, könnt ihr die super gerne anbringen, ich freue mich auf unseren konstruktiven Austausch!

Ansonsten vergesst mir nicht meine Frage zu den Klassikern! Habt ihr das ähnlich beobachtet oder seht ihr das ganz anders?

Und natürlich bin ich auf eure Antwort gespannt, aus welcher Perspektive ihr am liebsten schreibt! Wenn es denn eine gibt 😉

Liebe Grüße
von eurer Luna ❤

* Amüsanterweise ist gerade das heutige Thema eines, zu welchem ich enorm viel sagen könnte, doch freut euch auf weitere Beiträge zu Frauen in der Literatur 😉

2 Gedanken zu “10. Frage: Welches Protagonist:innen-Geschlecht?

  1. Wirklich interessanter und wichtiger Gedanke. Als ich angefangen habe zu schreiben, da habe ich darüber auch nie nachgedacht und meine ersten Texte auch primär mit männlichen Protagonisten geschrieben. Aber letztendlich habe ich mir ähnliche Gedanken gemacht wie du.
    Das hat natürlich nicht bedeutet, dass ich fortan zwanghaft aus weiblichen Perspektiven geschrieben habe, aber ich habe Freude daran gefunden, mich in ganz andere Menschen hineinzuversetzen und auch in andere Geschlechter und Sexualitäten. Muss ja auch nicht immer alles auf’s Auge gedrückt werden. Die geschlechtlichen Unterschiede können ja durchaus subtil sein.
    Einmal habe ich auch das Geschlecht eines Charakters geändert, weil es sich irgendwann einfach passender angefühlt hat. Und letztendlich musste ich an der Persönlichkeit und Geschichte kaum Änderungen durchführen (außer Personalpronomen natürlich ^^).

    Und wie du sagst: wir sind natürlich von unserem eigenen Medienkonsum geprägt. Und wenn uns dort Dinge auffallen, die wir in Zukunft lieber anders sehen wollen, dann können wir als Medienschaffende darauf einen Einfluss haben. :‘)

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    1. Irgendwie muss man ja anfangen und da ist es auch vollkommen ok, zunächst das zu schreiben, was da ungefiltert raus kommt. Mit der Zeit ist es aber definitiv ratsam, sich zu überdenken 🙂

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